Samstag Nachmittag mitten in der Fußgängerzone in Laufklamotten stehen ist komisch. Zwischen den normalen Einkäufern fühle ich mich unangezogen und sehr unwohl. So ist das also bei einem Straßenrennen. Hm. Ich weiß nicht ob ich das mag. Da kann auch das Kuchenzelt nichts rausreißen, trotz Waffeln. Ich bin nervös. Ich soll ja heute die Antwort auf unseren Waldlauf des letzten Wochenendes bekommen. Die Lockerheit geht mir immer mehr verloren. Ich schaffe es nicht die scherzhafte Pseudo-Wettkampfsituation zwischen uns aufrechtzuerhalten. Der Humor hat sich verabschiedet als ich die Startnummer angepinnt habe. Ich merke, wie langsam die Bundesjugendspiel-Mentalität Oberhand gewinnt. So stehen wir da, zwischen Flatterbändern auf den Strassenbahnschienen, angeglotzt von Leuten mit großen Einkaufstüten, beschallt von schlechtem Dancefloor und warten auf den Start. Och ne, Volkslauf ist schöner in der Pampa. 

7 Runden im Kreis macht 10 Km, los geht es. Ich erblicke ein paar bekannte Gesichter und suche mir eine Läuferin aus, an die ich mich halten werde. Sie läuft ein gutes Tempo, sehr gleichmäßig und ruhig. Mein Mann ist nach 5 Minuten weg. Soll er. Ich weiß nicht wie das hier wird. Ich komme mir vor wie auf einem Blindflug. Komisch. Die erste Runde ist schnell geschafft, die Leute puschen, die Musik lenkt ab. Ich kriege aber kein Gefühl für das Tempo. Um mich herum klagen immer mehr Läufer, sie seien zu schnell losgelaufen. Alle scheinen sich Rundenzeiten ausgerechnet zu haben oder laufen mit Pulsuhr.Wir werden überrundet und überrunden selbst. Ich bin total orientierungslos. Die Frau vor mir läuft wie ein Moped, ich hinterher. Runde um Runde. Langsam geht mir auf, dass es keinen Getränkestand gibt. Deshalb laufen viele mit Gürtel. Kurzzeitig schiebe ich Panik. Kein Wasser! Oh Gott, kein Wasser! Irgendwie komme ich wieder runter. Vielleicht weil ich keinen Durst habe? Es ist kühl, Regenwolken hängen über der Stadt. Man muß jetzt nichts trinken. Vor allem nicht, wenn man den ganzen Tag über schon 3 Liter Wasser in sich hineinlaufen lassen hat. Ich bin so eine Drama Queen. 

Nach 35 Minuten fällt mir auf, daß ich die Runden nicht mitgezählt habe. Scheiße. Wie peinlich. Ich fasse mir ein Herz und frage die Frau, hinter der ich die ganze Zeit klebe. Sie lacht mich an und gesteht, dass sie auch durcheinander gekommen sei und sie gerade ihr erstes Rennen laufe. Krass! Sie läuft so rutiniert und ruhig und gelassen. Kompliment! Allerdings sind wir keinen Schritt weiter. Wir überschlagen unsere Zeiten und beschließen noch zwei Runden zu laufen. Alle 5 Minuten fragte Eine „bist du sicher?“ worauf die Andere immer antwortet „Nicht wirklich.“ Egal. Wir passieren das Ziel und neben uns läuft die schnellste Frau ein. Kommt das hin? Nur noch eine Runde? Ich bin aber doch noch so fit? Wir beschließen alles auf eine Karte zu setzten und das Tempo nochmal anzuziehen. Ich biete an, mal nach vorne zu gehen. Es ist starker Wind, ich habe mich hinter ihr ja schonen können. Wir legen noch einen Zahn zu. Es macht Spaß und tut nicht weh. In diesem Tempo würde ich bis ins Ziel kommen, für eine weitere Runde reicht es aber nicht. Egal. Dann ist das so. Der Zweifel nagt und nagt. Entweder wir sind sehr gut in der Zeit, oder richtig schlecht. Egal, weiter. Wir reihen uns in den Zieleinlauf-Flatterband-Kanal und rennen ins Ziel. „Haben wir genug Runden?“ „Weitergehen“ „Nicht stehenbleiben“. Beim Getränkestand denke ich daran meine Uhr zu stoppen. 54 Minuten. Es kommt hin. Allerdings müsste ich eine neue Bestzeit gelaufen sein. Wir müssen über unser Dummheit lachen, tauschen Handnummern und halten die Klappe. Mein Mann hat es übrigens geschafft. Er war schneller. 49:39 Minuten – die Scharte ist ausgewetzt. 

Nach der Dusche suchen wir in den auslegenden Urkundenstapeln nach unseren Namen. Für mich gibt es keine. Also doch verzählt. So was dämliches. Wie peinlich…. Zum Trost will ich eine Waffel kaufen, die sind aber alle. Wenn es läuft, dann läuft es. Auf der aushängenden Ergebnisliste stehe ich aber drauf. Oh. 3. Platz in der AK. Ich bekomme meine Urkunde auf der Siegerehrung mit einem Handtuch. Meine neue Bestzeit lautet 52:43. Und das ohne Quälerei, ohne Schmerzen mit Spaß und Quatsch. Eigentlich habe ich gewonnen. Und er. Wir grinsen beide.

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