ISG Blockade


Gestern ging wieder nicht. Nach 3 Km extrem langsamen Traben, war es wieder soweit. Wieder der Schmerz an der Außenseite des Knies. Wurde sofort stärker, zog in Bein, in den Rücken. Danke. Stopp. Ab jetzt wieder Gehen. Wollte ja nur mal probieren.

Es sind Herbstferien. Könnte mir eigentlich egal sein. Ich habe keine Schulkinder zu Hause sitzen und bin kein Lehrer oder Erzieher. Trotzdem kommt man nicht Drumherum. Nicht nur, das man weiß, andere Leute fliegen jetzt noch mal schnell nach Malle zum Aufzutanken. Nein man wird auch noch in seinem Standart- Jahresurlaub-Leben eingeschränkt: Kein Aqua Jogging wegen Herbstferien. Warum? Das verstehe ich nicht. Wir sind doch alle da. Wir haben doch keine Ferien. Das Hallenbad ist doch offen.

Im Briefkasten lag ein Gutschein. Ich soll noch mal 3 Tage das Fitness Studio ausprobieren und überlegen ob ich nicht doch noch mal ein Abo…? Ein Kleines…? Seid ich im Jahr 2003 aus der Hauptstadt weggezogen bin, habe ich kein Abo mehr. Weil es hier ja Landschaft gibt. Viel besser als Laufen vor der Glotze.  Trotzdem werde ich immer wieder angeschrieben. Ich gehe jetzt glaub ich mal wieder hin und nutze den probetag. In der Landschaft geht ja gerade nicht. Und ein Mal Geräte und Sauna schadet ja nicht. Oder was weiß ich. Hauptsache ich kriege diese Woche noch rum. Vielleicht sollte ich der Aqua Jogging Frau auch eine Postkarte mit “we want you back!” schreiben. Vielleicht käme sie dann wieder.

Das ist doch alles kein Ersatz. Das ist wie Getreidekaffe.

Die Anmeldebestätigung des Köln Marathons liegt ausgedruckt neben mir. Auf der Rückseite habe ich handschriftlich eine Vollmacht für meine Mutter geschrieben. Sie holt mein Zeug ab, und bringt es mir mit. Als sie mir die Anmeldung geschenkt hat, hat sie in rührender Zuversicht keine Rücktrittsversicherung für mich abgeschlossen und gleich ein Finisher T-Shirt mit bestellt. Das kann Sie jetzt anziehen. Mitkommen soll ich lieber nicht, sagt sie, das tue zu sehr weh. Und vier Stunden noch was da sitzen und hätte, wäre, sollte, wenn Gedanken haben finde ich jetzt auch nicht erfrischend. Sie ist Routinier genug, das noch einmal alleine zu genießen.

Was lerne ich jetzt daraus? Das ich schon ewige Zeiten Rückenschmerzen habe. Rückenschmerzen waren nicht mehr der Rede wert. Teilweise konnte ich nicht vom Stuhl aufstehen, sondern musste erstmal im 90° Winkel loslaufen. Typische Schreibtischtäter Kauerhaltung. Erst das ambitionierte Laufen hat bei mir den Leidensdruck so erhöht, dass ich es endlich angegangen bin. Jetzt registriere ich eine Unruhe im Rücken, die von einer Neuordnung herzurühren scheint und ab und zu bereits einem lockeren Rücken. Ich vermeide, wenn möglich zu sitzen und habe ein klappriges, selbstgebasteltes Stehpult für meinen Rechner im Büro.

Mit diesem Wissen geht es jetzt weiter. Heute habe ich mich 16 Km vor der Stadt aussetzten lassen und bin mit dem Hund zurück ge…..walked. Muss man sagen. Es war Walken ohne Stöcke. Zwei Stunden war ich getarnt, mit großer Sonnenbrille unterwegs. Jeder Spaziergänger wird akzeptiert und jeder noch so langsame Läufer, aber wehe man geht schnell, mit angewinkelten Armen…. Satan weiche… So viele doofe Sprüche wie heute wurden mir noch nie an den Kopf geworfen. “Haben sie dir die Stöcke geklaut?” Statt freundlichem Gruß nur Verachtung. Nach einer Stunde im Feld-Wald und Wiesen Speckgürtel war ich geheilt von jeder Scham.  “Ja, du Micky-Maus ich kann gerade nur schnell gehen. Sei froh, das ich das ohne Stöcke mache du Fair Play Antithese.”

Ich bin eine kühle Brise, wiederhole mein Mantra laß sie überholen, laß sie überholen und lächle. Irgendwann… Irgendwann, treffe ich euch wieder…

Gut das ich hingegangen bin. Ich habe tatsächlich etwas Klarheit. Mein Rücken ist in Ordnung. Der Nerv ist aber nach wie vor gereizt.
Deshalb gibt es jetzt 3x die Woche Akkupunktur und pulsierende Magnetfelder. Dazu eine Woche Trainingspause. Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es darum, Ruhe in den Nerv zu bekommen. Der funkt wo es nichts zu funken gibt. Die Behebung der Ruhestörung muss von innen heraus geschehen. Erstmal mit Nadeln und Magneten. Von mit aus.

Eine halbe Stunde liege ich mit geschätzden 20 Nadeln in Rücken und Knie, in einem kleinen Kämmerlein, die Beine durch einen großen Ring gestreckt. Und nichts passiert. Für einen effektverliebten Menschen wie mich, sehr schwer zu ertragen.  Aber: bereits nach der ersten Sitzung war für ein paar Stunden Ruhe im Puff. Kein Druck, kein Kribbeln im Bein. Wenn es hilft, bin ich bereit an den Weihnachtsmann, den Osterhasen und den Klapperstorch zu glauben. 

Laufen ist kein Teufelszeug. Ich darf Schwimmen und in einer Woche weiter trainieren. Und: seid meinem letzten besuch ist der Rücken, der eigentliche Verursacher dieser Misere, besser geworden. Hier geht es also um Nachwehen. Die kriege ich auch noch in den Griff.

Morgen, viertel vor zehn habe ich einen Termin bei dem Sportorthopäden meines Vertrauens. Seid dem doofen Lauf, ist nichts besser geworden. Wahrscheinlich bin ich wieder schief. Und weil mich das jetzt wirklich ankotzt, muss noch mal jemand gucken, der sich damit auskennt. Ich habe soviel Tipps und Ratschläge und selbst gemachte Erfahrungen angesammelt, dass ich den Überblick verloren habe. Ich will neue Physio und eine klare Ansage. Kann ich auf Dauer was kaputtmachen? Gibt es die Chance diesen zwei schritte vor, einen zurück Zustand zu überwinden? Ja oder nein. Mit meinem Latein bin ich am Ende. Gestern haben 8 Km Hundespaziergang fast den gleichen Effekt gehabt, wie der HM. Trotz Übungen, aufwärmen, Wärmesalbe. 

Während ich das hier schreibe, weht ein kühler Abendwind, die Sonne ist weg – perfekt. Um mich abzulenken habe ich aufgeräumt und – tatataaaaa meine 10er Karte für das Hallenbad wiedergefunden. Natürlich ist jetzt Sommerpause. Morgen Mittag werde ich wissen, ob es Sinn macht sich eine für das Freibad zu kaufen. Bis dahin, versuche ich mein Umfeld nicht in den Wahnsinn zu treiben. Unausgeglichen ist gar ein Ausdruck.

Am Freitag wäre vor meiner Haustür ein 10 Km Volkslauf. Meine Expertenrunde läuft. Ich hab es mir schon vor Monaten in den Kalender geschrieben. Aber Rücken und Knie mucken heute immer noch. Das ist die Quittung vom doofen Lauf.  Schade.

Wenn ich aber etwas im letzten halben Jahr gelernt habe, dann, dass ich mir mit gegen den Schmerz laufen und tapfer sein, 4 Wochen Pause einbrocke. Ich will nicht wieder zurückgeworfen werden. Ich will nicht wieder 5 Minuten laufen und dann abrechen. Will im Hochsommer keine Wärmesalbe auf den Rücken schmieren.

Den Leuten um mich herum gelingt dieses Pensum. Es ist Ihnen in ihrer ersten Saison gelungen. 25 Jahre älter und auf 10 km 6 Minuten schneller. Und auf den langen Distanzen unerreichbar. Anstatt mich aber auf mein Ziel im Oktober zu fokussieren, bleibe ich immer wieder bei den Volkslaufergebnissen hängen. Völlig bekloppt! Warum kann ich nicht umschalten? Von schneller! schneller! auf weiter! weiter! Warum diese Wettkampfgedanken? Muss ich mir jetzt die 10 km Läufe verbieten, obwohl sie mir so viel Spaß machen? Keine Schulumkleidekabinen, kein lauwarmer Zitronentee, kein Fantakuchen mehr? Eine Entscheidung steht an.

Es hat sich angedeutet. Die Beine waren schon seid heute Morgen schwer. Ein Ziepen in der Achillessehne, ein Druck am Knie, ein Gewitter weicht Alles auf. Ich habe keine Lust. Hilft ja nichts. Ich muss  laufen. Damit was draus wird nehme ich die neue Musik mit und lasse mich antreiben. Kopfkino an und los. Heute laufe ich erstmals gleich von Beginn an. Bisher bin ich den ersten Kilometer aus der Stadt heraus immer schnell gegangen. Erst dann habe ich die Uhr angestellt. Heute also nicht. Heute laufe ich gleichmäßig zum Rhythmus, habe Spaß und bin zügig unterwegs. Am Ende muss ich mich sehr quälen. Bitte schön: die Quittung für den schnellen Start. Es geht berauf, bis zu einem Brunnen, anschlagen – und zurück. Erleichtert lasse ich mich wieder bergab rollen. Die Stadt liegt im Dunst vor mir, die Musik trägt mich. Alles schön. Bis auf das Knie. Der Druck ist da und wird immer stärker. Ich unterbreche, dehne, laufe langsam weiter, unterbreche wieder, dehne, gehe, laufe langsam weiter. Och ne.

Nur wegen dem bisschen Tempo? Nur wegen dem Start ohne Warmgehen? Nur weil ich seid zwei Wochen keine Übungen mehr gemacht habe? Nur wegen der Musik?

Wenn ich es so aufzähle, kommt dann doch einiges zusammen. Egal. ich gehe einfach 5 Minute, dehne immer mal wieder und laufe schließlich langsam weiter. Der Schmerz lässt nach. Bleibt zwar, aber lässt nach. Das Gewitter kommt zurück. Sind in den letzten Tagen nicht total viele Menchen vom Blitz getroffen worden? Ist es wirklich so, das man aufgrund des Abstandes zwischen Blitz und Donner die Entfernung des Gewitters ermitteln kann? Meinen Hände schützend um den Player legend, laufe ich durch den strömenden Regen nach Hause. Hinter mir grollt es. Das hat heute nicht gepasst. Die Musik nicht, das Tempo nicht und das Knie nicht. Trotzdem bin ich 1:17 h gelaufen. Und das nächste Mal dann wieder  ohne Musik.

Die letzten 5 Tage habe ich auf einer Baustelle verbracht. Wand rausreissen, Fliessen legen, streichen und Möbel aufbauen haben mich fertig gemacht. An Laufen war nicht zu denken. Um 9 Uhr lag ich im Bett und habe geschlafen. Das kann doch nicht sein! Wie machen das all die Leute, die täglich körperlich arbeiten? Ich komme mir total verweichlicht vor. Die Lauferrei hat mit vorgegaukelt fit zu sein. Hahahah.  An Stellen wo vor 10 Jahren mal Kraft war, ist jetzt nur noch Füllmasse. Ich bin ein Schreibtischtäter geworden. Ein Stubenhocker. Da täuschen auch 2 Stunden Laufen an der frischen Luft mit Schlamm an den Schuhen nicht drüber weg. 

Der Rücken mochte die letzten Tagen noch weniger als das bisschen Laufen. Heute ruhe ich mich aus um morgen ein kleines Auflockerungsründchen drehen zu können. Ist das mühsam. Man man man.

Als ich die Schuhe das letzte Mal anhatte, schmerzte das Knie, was ja der Nerv am Rücken ist. (Ich kann mir einen irgendwo hinwandernden Scherz nicht vorstellen) Es war der Tag ersten  Halbmarathons. Und heute,  9 Tage danach, möchte ich wieder laufen. Langsam, vorsichtig und ohne Erwartungen. Eine Runde um den See ist zu lang, also nehme ich mir das Gelübde ab, sofort aufzuhören, wenn die Schmerzen wiederkommen. Unterwegs mache ich noch ein paar Mal halt am Ufer, damit der Hund schwimmen kann. Nach ungefähr 36 Minuten gemächlichem Trabens war es soweit. Der dumpfe Druckschmerz war wieder da. Also habe ich etwas gedehnt und bin gegangen. Der Körper hat gesprochen und ich habe gehorcht. 

Sauer bin ich auf den Hund. Der musst sich unbedingt mit einem anderen kleinem Wichtigtuer um eine zickige Hündin kloppen. Viel Lärm und aufgewirbelter Staub, sonst nichts. Die andere Hundehalterin und ich seufzen entnervt, leinen unsere kleinen Fußhupen wieder an und schenken uns ein wissendes Lächeln. Macht Spaß, die neue Gelassenheit.

Eine innere Unruhe treibt mich ins Netzt. Was tun? Was kommt jetzt? Wie erholen? Womit? Wie lange? Ich suche und suche, ich lese und lese . Zwölf Tage nach dem Halbmarathon sollten Sie kein Tempotraining durchführen, keine neue Wettkampfbelastung auf sich nehmen und eher locker trainieren. Formuliert hat diese Regel Jack Foster, der von 1974 bis 1990 die weltbeste Marathonzeit (2:11:18) im Masters-Bereich (40 Jahre und älter) zu Buche stehen hatte. So steht es auf Runner’s World, an anderer Stelle heißt es für jeden Kilometer einen halben Tag Regeneration. Ich werde unruhig. So lange? Die Aussicht macht mich unglücklich. Warum nur? Ich habe es doch gemerkt. Mein Körper braucht Pause. Da kommt sie langsam – die Erkenntnis. Ich kann nicht Maß halten. Ich will nicht ein Bonbon, ich will die ganze Tüte. Das ist schon immer mein Problem gewesen. 0 oder 100. An oder Aus. Kein Bier oder 6 Bier. Nicht ausgehen oder bis 6.00h. 

Mein Verstand hat durchaus sämtliche Informationen parat. Ich weiß, dass ich mindestens eine Woche nicht laufen sollte. Ich weiß, dass ich nicht innerhalb von 3 Monaten ausreichend Ausdauer und Kraft aufbauen kann. Ich weiß es alles. Aber die Unruhe ist stärker als der Verstand. So schaue ich mir dabei zu, wie alles kaputt zu gehen droht. Immer mal wieder. 

Die nächsten 12 Tage nutze ich jetzt für lange Hundespaziergänge, zum Schwimmen, zum Übungen machen und irgendwann,  in einer Woche, auch mal für einen gemütlichen Lauf. Den Anstoß habe ich in meinem Blog bekommen. Vielen Dank an Euch, die ihr mir den Kopf gerade gerückt habt.

War das ein Rückfall oder ist das völlig normal? Ab Km 12 waren die Schmerzen zurück. Und das gleich volle Lotte. Ich bin trotzdem weitergelaufen. Weil es so schön war und so leicht ging und so viel Spaß gemacht hat. Im Gegensatz zu den 10 Km Rennen musste ich mich nie quälen. Weil ich schön langsam gelaufen bin, immer getrunken habe und den Lauf genossen habe. Und dann das. Das Stechen an der Außenseite des Knies war wieder da. Mir ist es aber gelungen dagegen zu halten. Mit meinem Jack Heggie Feldenkrais Übungen bin ich in Gedanken den ganzen Körper durchgegangen. Schultern bewegen, Wirbelsäule schwingen, Hüfte drehen, Füße aufsetzten und abrollen. Das hat den Schmerz gelindert. Mich hat es trotzdem aus der Bahn geworfen, weil das Schreckensgespenst auf einmal wieder da war. Habe ich mich nicht richtig vorbereitet? Zu wenig lange Läufe gemacht? Häte ich heute morgen um 6:00 Uhr doch noch Rückenübungen machen müssen? 

Wenn an der Strecke Musik und Stimung war, war alles weg. Bin ich ein Simulant? Alles nur Weicheibefindlichkeit? Dabei hat doch Konditionell alles so gut gepasst. Mein Ziel war ankommen, auf meinem Trainingsplan stand Hm unter 2.15h – das habe ich geschafft. Es war super Wetter, tolle Stimmung, eine großartige neue Erfahrung. Ist mein Körper also ein Schisser? Sobald Neuland betreten wird, erstmal den Not-Aus Schalter drücken. Schließlich war das beim ersten 10 Km Rennen ähnlich. Komischerweise habe ich nie gedacht aufhören zu müssen, weil es etwas Akutes ist. Ich war nur sehr sehr wütend und enttäuscht, dass dieses Scheiß ISG Gelenk immer noch so labil (oder was auch immer) ist. Hinterher habe ich mir eine kostenlose Sportlermassage gegönnt. Aahhhh. Jetzt habe ich 2 Stunden in der Schonhaltung auf dem Teppich hinter mir und die Schmerzen sind immer noch sehr stark. Wärmegel, Heizkissen und Geduld. Meine neue Superunterbuchse war unauffällig, ich habe sie vergessen zu beachten. Auf der Packung steht aber auch, dass der Hersteller glücklich sei, wenn man sie nicht bemerke… Dran gerochen habe ich nicht, und das mit den Bakterien kann ich nicht überprüfen. Und ich glaube, ich will es auch nicht überprüfen.

Mein Highlight: Für den Bruchteil einer Sekunde neben dem Gewinner des Marathons zu laufen, während ich überrundet werde. So schnell, so mühelos und leicht und elegant kann man laufen! Meine letzten 300 Meter waren dann nur noch ein großes Glück.

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