Klamotten


Zu meinen absoluten Highlights gehören die Läufer Legenden rund um Funktionskleidung und deren Pflege. Zu Beginn meiner Läuferabenteuer habe ich mich ja bereits mutig zur Wehr gesetzt, als von mit verlangt wurde, meine Klamotten vor Volksläufen nicht zu waschen, weil diese bei einem „richtigen Läufer “ angeschwitzt sein müssten. Da ich aber nicht stinken will wie ein Iltis, wenn ich mit anderen, mit unbekannten Leuten in einem Auto sitze, habe ich auf das Prädikat „echter Läufer“ bis heute verzichtet.

Am Samstag habe ich in einem Läuferfachgeschäft mein persönliches Highlight erlebt: An der Kasse steht ein rüstiger 60er. Offensichtlich ein erfahrener „echter Läufer“. Dahinter seine Frau. Offensichtlich noch nie Läuferin gewesen. Beide sind sehr aufgeregt und haben in der Hand eine sehr futuristisch aussehende 10000%-Garment Jacke an der der Reisverschluss klemmt. Beide sehen sehr entrüstet aus. Der Verkäufer erkennt das Problem sofort: Der Reisverschluss ist verrostet. Sehr seltsam. Es bildet sich eine Traube von fassungslosen Menschen.

Rost?
Gibt’s doch nicht! Bei so einer teuren Jacke!
Wie lange haben sie die Jacke denn?
Ungefähr seid einem halben Jahr, ich laufe fast täglich.
Was haben sie denn mit der Jacke gemacht? Mit was haben sie die denn gewaschen?
(beide gleichzeitig, voller Eifer) Die ist noch nie gewaschen worden! Das darf man doch nicht!
Sie schwitzen nicht viel?
Doch, doch. Die ist immer klatschnass.
Na dann, ist es doch klar. Haben sie schon mal gesehen, was Streusalz mit Autolack macht?
(verständnisloses Seufzen) Na, ich weiss nicht. Dann wasche ich dir die mal durch….

Wie krass ist das denn? Wie können sich solche Mythen halten? Wo ist der gesunde Menschenverstand? Wenn etwas nicht total vollgesaut ist, ziehe ich es auch noch mal an, aber irgendwann ist jedes Kleidungsstück reif für die Waschmaschine. Getrockneter Schweiss ist doch kratzig und scheuert. Ich besitze ausserdem Laufsachen sie stinken so extrem schnell, dass ich die einfach auch mir zuliebe nicht noch mal anziehen will. Wer zum Teufel also, hat damit angefangen?

P.S. : Ich gehe mittlerweile so schnell, dass mein Mann nebenher laufen kann ohne Volten schlagen zu müssen. Erster Schritt ist erreicht: gemeinsam an der frischen Luft Sport treiben.

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Ich weiß nicht womit es angefangen hat. Vielleicht mit Jugend trainiert für Olympia im Geräteturnen in der Mittelstufe.  Wir habe da immer im unteren Drittel herumgelungert. Gewonnen haben die selbstbewussten Turnerinnen des altsprachlichen Traditionsgymnasiums. Die hatten alle einheitliche enge Turnanzüge (diese Badeanzüge mit langen Ärmeln) und ballonseidene Jacken mit Schulwappen. Wir Provinzgesamtschüler mussten unsere verfusselten schwarzen Turnhosen und ausgeleierte weiße T-Shirts tragen, auf denen das verblasste Schulwappen aufgebügelt war. Unsere schlechte Platzierung – das war uns sonnenklar – lag ausschließlich an der mangelhaften Kleidung. Seid diesen Tagen sind Gemeinschaft generierende Trainingsklamotten mein liebster Fetisch. Seid diesen Tagen warte ich darauf endlich einmal so etwas zu besitzen. Ich stelle mir das vor wie eine Rüstung, die einen beschützt vor allerlei Unbill. Denn ein Trainingsanzug mit Aufdruck steht immer für eine Gruppe, für viele Gleichgesinnte die an einem Strang ziehen. Lieber keinen Streit anfangen mit denen. 

Ich komme auf sieben Sportvereine in meiner Vergangenheit aber keine Mitgliedschaft hat mich bisher mit einer Vereinskleidung beglückt. Volleyball habe ich in einer Herrenmannschaft gespielt, besser nur trainiert, weil es ja eine Herrenmannschaft war. Die hatten Trikots aber nur fürs Spiel. Beim DLRG hatten wir noch nicht mal einheitliche Bademützen, das einjährige Gastspiel beim Jiu Jitsu zog zwar den obligatorischen weißen Anzug nach sich – war aber auch nicht das gelbe vom Ei. Der alternative Reitverein verweigerte sich jeglicher traditioneller Reitkleidung und verteufelte Konformismus. Eigentlich machte mir das die Mitgliedschaft leichter, denn Vollversammlungen, Spalier stehen, Nudelsalat mitbringen und Gruppendynamik sind nicht so meins. Das Vereinsleben abseits des wöchentlichen zusammen Sport machen ist ein rotes Tuch für mich. Aber der Trainingsanzug lockt nach wie vor.

Aus nostalgischen Gründen bin ich im Frühjahr in den Sportverein meines Heimatdorfes eingetreten. Aus Jux und Dollerrei, und weil ich es witzig fand, bei den Volksläufen den Namen des Dorfes hinter meinem Namen zu lesen. Es ist ein Turn-, Sport- und Gesangsverein mit gefühlten 50 aktiven Fußballern, 30 aktiven Bänkelsängern und 7 Läufern (mit mir). Eigentlich sind es nur drei Familien. Ich fand das witzig. Trainiert wird zusammen mit einem größeren Laufreff aus dem Nachbarort. Ohne mich, ich wohn da nicht. Wir fahren zusammen zum Volkslauf und ich bekomme Tips. Leider meistens Ansagen, die mich stressen. Die im krassen Gegensatz zu meinem Gefühl oder zu den Aussagen meine Arztes stehen. Meistens haben sie mir schneller, weiter und trotzdem zu tun.  Mein Trainingsplan ist aus dem www, ab und zu, wenn es passt, dann machen wir einen langen Lauf zusammen. Wenn ich laufen kann. Was nach deren Einschätzung eigentlich immer ist, weil das komische Zipperlein nicht gilt.

Sechs der Sieben Läufer haben viel Erfahrung, zahlreiche Marathons in den Knochen, unzählige Verletzungen überstanden und mindestens vier von Ihnen laufen mich in Grund und Boden. Wenn ich dann nicht mache, was sie mir raten, weht meistens ein eiskalter Wind durch meine Beitrittserklärung und alles ist auf einmal überhaupt nicht mehr Ironie tauglich. Dann wird mir wieder klar warum mir das dort mit 19 zu eng geworden ist und ich – nicht ohne Groll – ausgezogen bin. Dann sehe ich auf einmal nur noch Nudelsalat und Bericht des Kassenwarts und Hecke schneiden und Sippenhaft. 

Soweit so einfach zu lösen: einfach wieder austreten. Die Idee war gut, doch die Welt noch nicht bereit. ABER: Jetzt werden Trainingsanzüge bestellt. Subventioniert vom Verein. Weil die Fußballer ja auch welche haben. Nach jahrelangem Hick Hack kriegt die Läufersparte auch Anzüge. Und ich – durch puren Zufall – mittendrin. Ist schon bestellt. Sieht gar nicht mal schlecht aus im Katalog. Das ist doch ein Zeichen! Das kann ich doch nicht einfach ignorieren! Da muss ich doch jetzt tapfer sein und einfach dran bleiben und grinsen und danke für den Tip sagen und mein Ding machen. Geht das noch als Pragmatismus durch oder sitze ich da mitten drin im  Opportunismus? 

Heute bin ich übrigens gelaufen. Erst eine Stunde Übungen dann eine halbe Stunde laufen mit den neuen Schuhen. Tip Top. Keine Klagen. Kleine Runde, ohne Ehrgeiz. Am Freitag möchte ich gerne wieder meine normale Runde laufen. Eine Stunde langsam und gemütlich. Und wenn das nicht klappt, muss ich mich an den Gedanken gewöhnen mich umzumelden. Dann wird aus dem Marathon eben ein Halbmarathon. Aber gelaufen wird. Weil es nämlich sehr viel Spaß macht, wenn es klappt.

Ein Opportunist ist ein „Jenachdemer“.  (Wilhelm Busch)

Vorgestern waren das alte MTB und ich noch mal im Dorf hoch oben in den bergigen Wäldern. Google hat nachträglich 435 Höhenmeter auf 27 Km errechnet. Trotz Fotopausen war ich 10 Minuten schneller. Tata. Ob ich mit der Fotodokumentation unterwegs warm werde, weiß ich noch nicht. Das Ergebnis ist so mittel. 

Und schon sind wir beim eigentlichen Thema: Keine Veränderung beim nervenden Nerv, der sich in der Akupunktur-Pause dann doch entschieden hat auch nach Fahrradtouren zu meckern. Mir blieb also keine andere Wahl, ich musste einen Frustkauf tätigen. Jetzt geht’s schon besser.

Der Inhaber des Lauffachgeschäfts war soooo nett und aufmerksam und interessiert und positiv und über die Maßen kompetent und erfahren. Hoffentlich hält dieses alles-wird-gut-Gefühl noch etwas an – war ja teuer genug. Die Schuhe sind aber wirklich der Hammer, und natürlich eine wesentliche Verbesserung gegenüber meiner alten asics, denen man die 250 Km schon über Gebühr ansieht. Ist doch klar. Ausserdem hat sich herausgestellt, dass ein Neutralschuh nicht das Beste ist, für meinen Fuß und mehr Stabilität her muss. Jetzt steht er hier, der Superschuh der Supermarke Saucony, von der ich noch nie gehört habe. Wieder was gelernt. Wieder ein Stückchen weiter in den Sündenpfuhl hinabgerutscht. Wieder ein wissendes Lächeln mehr im Repertoire.

An Laufen ist aber auch heute noch nicht zu denken. Also nur eine Stunde Übungen auf der Matte.  Und weiter warten und radeln und warten. Man wird das schön, wenn‘ wieder geht!

Guter Konsum ist schwer. Verantwortungsvoll Leben ist schwer. Beides ist teuer. 

Die Fragen wer meine Sportklamotten genäht hat oder welche Lebensmittel anständig und nachhaltig hergestellt werden kann man noch konkret beantworten. Wenn man möchte, kauft man daraufhin anders ein. Was ist aber mit weniger konkretem Konsum? Wie hoch ist meine persönliche CO2 Bilanz? Und was bedeutet sie? Errechnen kann man seinen Ecological Footprint online, dort bestätigt sich das ungute Gefühl, dass wir alle viel zu viel Energie verbrauchen: „die virtuellen Aktivitäten eines Europäers im Freizeitbereich nehmen mehr Energie und Ressourcen in Anspruch als die Befriedigung der elementaren Grundbedürfnisse eines Afrikaners“. (Joachim Lohse, Geschäftsführer des Öko-Instituts).

Und schon sind wir hier. In meinem Blog. Der frißt Energie. Kann ich das irgendwie rechtfertigen? Ist das nötig? Gibt es irgendeinen zwingenden Grund für dieses Tun? Nein. Gibt es nicht. Deshalb neutralisiere ich diese Schuld im übertragenden Sinne durch einen Baum. Wieder ein Gute Idee, die der ewige Anfänger weitersagt. Natürlich steckt hinter dieser Idee eine clevere Image Kampagne für eine Onlineplattform, die – wenn wunderts – auch was verkaufen möchte. Egal. Wenn wir Verbraucher auf sowas ansprechen, dann wird es ausgebaut. Und wenn Unternehmen ihre ökologische und soziale Verantwortung übernehmen und ausbauen dann ist das gut. Das das nicht aus Liebe zur Schöpfung geschieht, sondern einzig und allein aus Gründen der Gewinnmaximierung, das ist der Welten Lauf.

Also  laß ich mich jetzt vor den Imagekarren spannen und poste brav den Button für die Neutralisierung meines Blogs. Ein Baum ist ein Baum ist ein Baum. Verdammt noch mal.

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Alles falsch gemacht. Kleines Brot gegessen wegen großem Hunger, neue 85% Jacke angezogen wegen 100% Sinnflut-Regen und dann einen sehr unerfreulichen Lauf hinter mich gebracht. Immer, immer, immer ziehe ich mich zu warm an. Ich verstehe das nicht. Ich werde jetzt einen Zettel an die 85% Jacke kleben „Achtung, zu warm!“. Sonst rennen ich das nächste Mal wieder mit hochgekrenpelten Ärmeln und offenem Reißverschluß  durch die Gegend. Und so ein kleines Brot kann sich ganz schön aufspielen im Magen. Dabei wollte der es nicht anders.

Der Hunger war da und ich wollte laufen. Und wenn ich Hunger habe, dann zählt eine große, bedrohliche, innere Uhr mit roten Digitalziffern im Sekundentakt rückwärts. Die Gedanken fokussieren immer mehr auf den niedrigen Energielevel und dulden keine Ablenkung. Bei Null explodiere ich. Es sei denn, ich esse was. Aus diesem Grund habe ich jetzt immer Vitalgebäck aus dem Discounter in der Tasche. Das hat schon die Ein oder Andere Eskalation verhindert. Heute nicht. Heute bin ich bockiger zurückgekommen, als ich losgelaufen bin. Heute gab es statt Entschleunigung, Brandbeschleunigung.

Und wann hört dieser Regen endlich auf. Das ist doch nicht mehr normal. An der Arbeit ist schon das Dach undicht. Und überall sind hellrote Nacktschnecken auf denen man ausrutscht. Das muss doch nicht sein. Kriegt man total schlecht aus dem Profil rausgekratzt. Auf mein Belohnungsbrot für hinterher habe ich keinen Bock mehr. Das rote Pesto sieht plötzlich aus wie Nacktschnecken-Mouse. 

Warum ist es denn auf einmal wieder kalt? Ich habe nur kurze Laufklamotten mitgenommen und jetzt sitze ich hier in dieser eisigen Schaafskälte. Eine Jacke muß her, aber zack zack. Ich genehmige mir – entgegen meines Sparkurses – bei der Aktionswaare zu stöbern. Dort hängt eine Jacke, reduziert, aus einer mir unbekanten Kunstfaser. Ich brauche Hilfe.

Hallo. Ist diese Jacke wasserdicht?

Nein. Dass ist Softshell.

Aha. Winddicht?

Das ist doch Softshell.

Was kann denn Softshell?

Das ist eine leichte Jacke zum Laufen.

Ich möchte heute Laufen. Es ist kühl und könnte etwas regnen. Ist diese Jacke dafür geeignet?

Sie haben doch eine Jacke an.

Ich möchte joggen gehen.

Achso. Dafür ist die ideal. Die Softshelljacken sind genau das richtige für dieses Wetter.

?

Ohne Worte! War aber billig: 21,-  statt 60,- € . Etwas zu groß, aber genau richtig für dieses Wetter, habe ich dann auch festgestellt.

Ich habe nämlich wieder eine Stunde gschafft. Einfach so. Ohne Probleme. Die Luft war großartig. Klar, Kalt, frisch. Im sanftem Trab gings mit der soften Jacke über fluffigen Rindenmulch. Die nächste Runde wird etwas größer. Und nächste Woche kann ich dann die langsamen 15 km angehen. Was ja mein kurzfristiges Ziel ist. Ging dann doch schneller als gedacht.

(Ich habe meine Wissenslücke natürlich schnell geschlossen. Jetzt weiß auch ich, dass Softshell Klamotten im Allgemeinen stark Wind und Regen abweisend sind und eine erhöhte Atmungsaktivität gegenüber wasserdichten Materialien aufweisen.  Softshelljacken bieten bei 85% aller Witterungen Schutz und heißen deshalb auch 85%-Garment. Das heißt, ich habe neben Shock Absorber und Hightech Unterhose einen neuen Profibegleiter für jeden Tag. )

Nachdem ich meinen Startbeutel abgeholt habe, war ich shoppen. Ich komme erst langsam wieder zu mir. Buden über Buden und alle mit Rabatt. 

Kurz und gut: Der Shock Absorber hat neue Gefährten bekommen. Es ging nicht anders. Die kurze Hose habe ich schnell und günstig erstanden. Solide Radlerhose – Halt! Stop! – Sprinter Hose „Artemis“ aus Kunstfaser in blau. Doch dann habe ich sie gesehen: Meine Neue Unterhose. „freshly engineered“ und „hoch innovativ“. Sie hat Luftkanäle und ein Drainagesystem und sieht aus wie eine abgeschnittene schwarze Perlonstrumpfhose. Die funkelnde Verpackung erinnert mich an Edel Schokolade. Zwischen all den quitschbunten tricolor Buchsen und reflektirenden Funktionsleibchen ein stilsicherer Ruhepunkt im Sortiment. Während meine Augen sich ausruhen, wird mein Hirn infiziert: Heute gibt es Rabatt, lange Strecken kann man nicht in Baumwolle laufen, was ist  sonst schon geruchsneutralisierend und bakteriostatisch. Meine kulturlosen 5er pack Unterhosen zu Hause haben ja noch nicht mal eine „Philosophy“. Lese ich da eigentlich einen versteckten Vorwurf? Will mir die Packung suggerieren, meine Unterhosen würden schlecht riechen? Und wieso eigentlich Bakterien? Um Gottes Willen. Der Schlüpfer muss natürlich mit. Die Waschmaschine läuft schon, das Zeug muss ja noch trocknen. 

Ein Blick aus dem Fenster bringt mich subito wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Es hagelt! Wofür brauche ich „Air Channels“ im Eiskanal? Da zieht man sich eine Wollhose drunter und eine warmes Unterhemd.

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