Läuferknie


Als ich die Schuhe das letzte Mal anhatte, schmerzte das Knie, was ja der Nerv am Rücken ist. (Ich kann mir einen irgendwo hinwandernden Scherz nicht vorstellen) Es war der Tag ersten  Halbmarathons. Und heute,  9 Tage danach, möchte ich wieder laufen. Langsam, vorsichtig und ohne Erwartungen. Eine Runde um den See ist zu lang, also nehme ich mir das Gelübde ab, sofort aufzuhören, wenn die Schmerzen wiederkommen. Unterwegs mache ich noch ein paar Mal halt am Ufer, damit der Hund schwimmen kann. Nach ungefähr 36 Minuten gemächlichem Trabens war es soweit. Der dumpfe Druckschmerz war wieder da. Also habe ich etwas gedehnt und bin gegangen. Der Körper hat gesprochen und ich habe gehorcht. 

Sauer bin ich auf den Hund. Der musst sich unbedingt mit einem anderen kleinem Wichtigtuer um eine zickige Hündin kloppen. Viel Lärm und aufgewirbelter Staub, sonst nichts. Die andere Hundehalterin und ich seufzen entnervt, leinen unsere kleinen Fußhupen wieder an und schenken uns ein wissendes Lächeln. Macht Spaß, die neue Gelassenheit.

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Eine innere Unruhe treibt mich ins Netzt. Was tun? Was kommt jetzt? Wie erholen? Womit? Wie lange? Ich suche und suche, ich lese und lese . Zwölf Tage nach dem Halbmarathon sollten Sie kein Tempotraining durchführen, keine neue Wettkampfbelastung auf sich nehmen und eher locker trainieren. Formuliert hat diese Regel Jack Foster, der von 1974 bis 1990 die weltbeste Marathonzeit (2:11:18) im Masters-Bereich (40 Jahre und älter) zu Buche stehen hatte. So steht es auf Runner’s World, an anderer Stelle heißt es für jeden Kilometer einen halben Tag Regeneration. Ich werde unruhig. So lange? Die Aussicht macht mich unglücklich. Warum nur? Ich habe es doch gemerkt. Mein Körper braucht Pause. Da kommt sie langsam – die Erkenntnis. Ich kann nicht Maß halten. Ich will nicht ein Bonbon, ich will die ganze Tüte. Das ist schon immer mein Problem gewesen. 0 oder 100. An oder Aus. Kein Bier oder 6 Bier. Nicht ausgehen oder bis 6.00h. 

Mein Verstand hat durchaus sämtliche Informationen parat. Ich weiß, dass ich mindestens eine Woche nicht laufen sollte. Ich weiß, dass ich nicht innerhalb von 3 Monaten ausreichend Ausdauer und Kraft aufbauen kann. Ich weiß es alles. Aber die Unruhe ist stärker als der Verstand. So schaue ich mir dabei zu, wie alles kaputt zu gehen droht. Immer mal wieder. 

Die nächsten 12 Tage nutze ich jetzt für lange Hundespaziergänge, zum Schwimmen, zum Übungen machen und irgendwann,  in einer Woche, auch mal für einen gemütlichen Lauf. Den Anstoß habe ich in meinem Blog bekommen. Vielen Dank an Euch, die ihr mir den Kopf gerade gerückt habt.

War das ein Rückfall oder ist das völlig normal? Ab Km 12 waren die Schmerzen zurück. Und das gleich volle Lotte. Ich bin trotzdem weitergelaufen. Weil es so schön war und so leicht ging und so viel Spaß gemacht hat. Im Gegensatz zu den 10 Km Rennen musste ich mich nie quälen. Weil ich schön langsam gelaufen bin, immer getrunken habe und den Lauf genossen habe. Und dann das. Das Stechen an der Außenseite des Knies war wieder da. Mir ist es aber gelungen dagegen zu halten. Mit meinem Jack Heggie Feldenkrais Übungen bin ich in Gedanken den ganzen Körper durchgegangen. Schultern bewegen, Wirbelsäule schwingen, Hüfte drehen, Füße aufsetzten und abrollen. Das hat den Schmerz gelindert. Mich hat es trotzdem aus der Bahn geworfen, weil das Schreckensgespenst auf einmal wieder da war. Habe ich mich nicht richtig vorbereitet? Zu wenig lange Läufe gemacht? Häte ich heute morgen um 6:00 Uhr doch noch Rückenübungen machen müssen? 

Wenn an der Strecke Musik und Stimung war, war alles weg. Bin ich ein Simulant? Alles nur Weicheibefindlichkeit? Dabei hat doch Konditionell alles so gut gepasst. Mein Ziel war ankommen, auf meinem Trainingsplan stand Hm unter 2.15h – das habe ich geschafft. Es war super Wetter, tolle Stimmung, eine großartige neue Erfahrung. Ist mein Körper also ein Schisser? Sobald Neuland betreten wird, erstmal den Not-Aus Schalter drücken. Schließlich war das beim ersten 10 Km Rennen ähnlich. Komischerweise habe ich nie gedacht aufhören zu müssen, weil es etwas Akutes ist. Ich war nur sehr sehr wütend und enttäuscht, dass dieses Scheiß ISG Gelenk immer noch so labil (oder was auch immer) ist. Hinterher habe ich mir eine kostenlose Sportlermassage gegönnt. Aahhhh. Jetzt habe ich 2 Stunden in der Schonhaltung auf dem Teppich hinter mir und die Schmerzen sind immer noch sehr stark. Wärmegel, Heizkissen und Geduld. Meine neue Superunterbuchse war unauffällig, ich habe sie vergessen zu beachten. Auf der Packung steht aber auch, dass der Hersteller glücklich sei, wenn man sie nicht bemerke… Dran gerochen habe ich nicht, und das mit den Bakterien kann ich nicht überprüfen. Und ich glaube, ich will es auch nicht überprüfen.

Mein Highlight: Für den Bruchteil einer Sekunde neben dem Gewinner des Marathons zu laufen, während ich überrundet werde. So schnell, so mühelos und leicht und elegant kann man laufen! Meine letzten 300 Meter waren dann nur noch ein großes Glück.

Gegen die steifen Glieder sind wir heute Morgen zu zweit 8 Km durch den morgendlichen Wald getrabt. Und ich habe die Kniebandagen weggelassen. Natürlich ist nichts passiert. Schwer gefallen ist es mir trotzdem. Jetzt sind also alle Zeitzeugen aus meiner Verletzungsphase weg. Das ist der Schlussstrich. Von nun gilt für mich: tut was weh, habe ich einfach nur einen schlechten Tag oder bin falsch gelaufen. Und die Übungen mache ich weiter. Darum. Das ist ein schöner Erfolg für mich. Aus eigenen Stücken aus dem schwarzen Loch geklettert. Schmerzfrei, glücklich und hungrig nach mehr Lauferlebnissen.

Der Arzt (Orthopäde / Chiropraktiker / Sportmediziner) ist wahnsinnig schnell. Zack die Hüfte kontroliert: die ist nicht schief. Aber schräg sei ich, das stimme. Zack auf die Bare gelegt, zack die Beine irgendwie herumgedrückt. links. rechts. Das Iliosacralgelenk ist blokiert und der Nerv eingeklemmt. Deshalb strahle der Schmerz ins Knie. Hätte auch im Fuß weh tun können. Die Ursache sitzt aber im Rücken. Aha. Wie weiter? Er gibt mir eine Spritze in den Rücken um den Nerv zu beruhigen, verschreibt mir strake Schmerzmittel für eine  Woche und Ruhe. Noch nicht einmal Schwimmen darf ich. Keine Kraftanstrengung. Walken, Übungen ja. Laufen nein. Ob es nach einer Woche schon weg ist, kann er nicht versprechen. Generell sei laufen aber gut. Und immer Wärme an den Rücken.

Die Diagnose erleichtert mich schon allein aus dem Grund, weil es jetzt eine Ursache gibt, die man beseitigen kann. Es ist also kein larifari Scheiß ihr Nervensägen! Trotzdem ätzend. Die Tabletten gibt es in der Apotheke nicht, ich muss wiederkommen. Er hat mich noch gewarnt, ich solle auf den langen Beipackzettel nichts geben, da würde man denken die Tabletten bringen einen um. Aha. Abwarten. 

Zu Hause packe ich mir ein wärme Pack in den Rücken und lege mich in die vom Arzt empfohlene Schonhaltung: die angewinkelten Beinen auf einen Hocker, den Rücken auf den Fußboden. Irgendwie ist mir komisch zumute. Die Vorstellung der Spritze in meinem Rücken ist nicht gerade stimungsaufhellend. In dieser seltsamen Haltung dämmere ich eine Stunde vor mich hin. Alles ist weg. Keine Energie. Ich habe das Gefühl völlig ausgelaugt zu sein. Die Aussicht eine Woche gar nichts machen zu dürfen ist mir egal. Am Liebsten würde ich mich im Bett verkriechen und da bleiben. Für immer. Jetzt fängt es auch noch an zu schneien… Heute mache ich gar nichts, keine Übungen, keine Heggie, gar nichts.

Vor 16 Tagen ist es passiert. Seit dem habe ich jeden Tag zwischen 30 und 60 Minuten Übungen gemacht. In irgendeinem Blog wurde das Buch von Jack Heggie empfohlen: „Besser laufen. Eine 30 Tage Programm“ nach Feldenkrais. Habe ich es gleich bestellt! Jeden Strohhalm greife ich mir. Es ist sehr gut! Die Lektionen soll man im Abstand von 2 Tagen machen. Meine Aufmerksamkeit klebt nicht mehr am Knie, ich stehe gerader und habe das Gefühl etwas größer zu sein.

Aber nun zum Eigentlichen Punkt: ich bin gelaufen!!! Die letzten Tage habe ich damit verbracht mir meine Trainingspläne zusammenzustellen. Zunächst einen 12 Wochen Plan bis zum 10 Km Wettkampf, dann ein Marathon Trainingsplan. Heute habe ich angefangen. Obwohl ich heute morgen noch Angst hatte. Das Knie habe ich auch im Ruhezustand gespürrt. Einen leichten Druck.  Also habe ich mich übervorsichtig herangewagt. die Beine und Knie mit Arnikaöl eingerieben, Kyta Salbe auf das verletzte Knie, Kniebandage ans kaputte, einen dünnen Stoffschlauch ans normale für die Wärme, Einen Nierenwärmer. Zunächst bin ich 10 Minuten schnell gegangen, dann ganz langsam 10 Minuten gelaufen. Nach den Lektionen von Heggie war es ganz leicht und überhaupt nicht anstrengend. Beim Blick auf die Uhr konnte ich gar nicht glauben, dass ich schon 10 Minuten gelaufen bin. Dann eine Pause zum Dehnen und 2 Minuten walken. Das habe ich drei mal wiederholt. Natürlich bin ich sehr langsam gelaufen. Aber es geht wieder! Und viel leichter.  Morgen kann ich die nächste Lektion beginnen.

Schmerzfrei gelaufen. Fast 30 Minuten. Jetzt muß ich aufpassen, dass ich nicht wieder übertreibe. Die guten Ratschläge hören nicht auf. Es ist schwer sich nicht wie ein Weichei vorzukommen. Einmal pro Woche werde ich weiterhin schwimmen gehen.  Natürich fehlt zum großen Glück die frische Luft, die Natur und der Hund. Aber verausgaben kann ich mich im Wasser wenigstens. Darauf werde ich zu Fuß noch warten müssen.

Ich weiß nicht, wie ich die nächste Woche rumkriegen soll. Vielleicht kann ich schwimmen gehen. Was mache ich, wenn es nicht besser wird.  Noch eine Woche warten? 

Bei den Dehnungsübungen habe ich rechts immer mehr Luft. Jetzt befürchte ich wieder schief zu sein. Höre in mich hinein, forsche den Rückenschmerzen nach – die eher ein Muskelkater sind. Warum drückt es mehr rechts als links? Sehen tut man nichts. Im Netzt kann man Alles und Nichts lesen. Einlagen für die Schuhe? Schuhe tauschen? Bandage? 

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