Sinn und Zweck


Jetzt habe ich verstanden. Zwischen all dem Frust und falschem Stolz und unerfreulichem Ehrgeiz keimt langsam die Erkenntnis: ich musste lernen zu verlieren.
Bisher ist mir ungerechterweise immer alles ohne grossen Aufwand gelungen. Teils aus Glück, teils aus niedrig gesetzten Zielen. Der Marathon war ein schlecht kalkuliertes Ziel. Und es hat nicht geklappt. Der Preis: ich kann noch nicht mal mehr zum Ausgleich eine Stunde durch den Wald traben.
Scheitern tut weh. Scheitern ist ekelig. Aus Scheitern klug werden ist schwer und demütigend. Aber ist möglich.
Mein neues Ziel: wieder laufen wie jeder normale Freizeitsportler. Zum runterkommen. Ich kann schon wieder 2 km langsam… Ab jetzt wird der Weg unspektakulär. Von hier verabschiede ich mich. Danke für den langen Atem. Danke für die Lektion. Bleibt gesund.

Advertisements

Nur weil hier nichts stand, heisst das nicht, ich habe mich nicht gerührt. Für den Kopf und gegen den Druck habe ich ein halbes Jahr nicht protokoliert. Keinen Trainingsplan befolgt, keine Km aufgeschrieben, keine Zeiten gestoppt und keine Tage gezählt. Ich bin aufs Rad gestiegen, wenn ich Bewegung brauchte, bin in den Wald gegangen, wenn meine Füsse was tun wollten. Habe mich weiter mit Nadeln stechen lassen und ab und zu Übungen gemacht.

Natürlich gibt es einen Unterschied: ich fühle mich nicht mehr als Sportler im engeren Sinne. Ich kann mich nicht beteiligen an Gesprächen über Volksläufe, Marathonreisen oder Ausrüstungsneuheiten. Werde ich gefragt, was ich mache, muss ich sagen, dass ich etwas Rad fahre. Werde ich gefragt, ob ich noch laufe, muss ich verneinen.

Mein Rad macht mir große Freuede. Meine Kondition ist noch nicht ganz weg. Ich kann also durchaus noch fordernd Rad fahren. Kann mich austoben. Wenn ich ein bisschen Grundausdauer dadurch halten kann, bin ich froh. Die zweite Akkupunkturrunde ist abgeschlossen, in zwei Monaten geht es zur Kontrolle. Die Chancen stehen gut, dass dann die als chronische Schmerzen diagnostizierten Stiche fast weg sind.
Bis dahin muss ich eine Balance finden zwischen laufen lassen und trotzdem noch in der Lage sein Kuriositäten zu sammeln und ein bisschen Tagebuch zu führen. Denn irgendwann werde ich mich dann mal wieder irgendwo für irgendwas anmelden.

Laufen tut weh – schreibt Sebastian Herrmann heute in der Süddeutschen Zeitung auf Seite 24 und fasst den Stand der Forschung zusammen. Kurz und knapp: Hobbyläufer fügen sich selber seid 30 Jahren immer wieder an die gleichen Verletzungen zu. Durch Überforderung nicht etwa durch Stürze oder Umknicken. Schuhtechnik spielt dabei eigentlich keine Rolle, es geht ums Geld. Und der neuste Trend des Barfusslaufens ist auch wieder nur ein Marketingag.

Es gebe keine belastbaren Zahle, die man auswerten könne um Wirkung und Nutzen von High – Tech in Hobby Läufers Schuhen zu belegen. Ich hätte den Artickel gerne hier gepostst, die SZ erlaubt aber noch nicht einmal Ihren Abonnenten den Zugriff auf das Blatt im Netzt. Das nervt mich!

Ich gehe jetzt mit Mann und Hund in den Wald um zu walken. Mit Schuhen, die laut Fachverkäufer genau das richtig für mich sind. Aber ich gehe ja nur, das tut nicht weh.

In den letzten Wochen habe ich übrigens allerlei Abenteuer in der bunten Welt der Wunderheilung erlebt. Stichwort Thai- Massage! Billiger als Handauflegen und sehr effektvoll. Tut auch ein bisschen weh. Ist aber auch für schnöde Entspannung am Samstag morgen sehr gut zu gebrauchen. Und für den Schreibtisch-Kauerhaltung-Rücken eine Wohltat.

Tiefer kann man nicht sinken. Vor einem halben Jahr bin ich das letzte Mal 10 Km ohne Mühe gelaufen, hab mich fit und wohlig gefühlt und gedacht so geht das jetzt weiter. 3-4 mal die Woche. Mittlerweile habe ich losgelassen, habe aufgehört immer wieder alles auszureizen und bin dem Übel auf die Schliche gekommen. So oft wie in den letzten 5 Monaten war ich noch nie beim Arzt. Es wird. ja. Grundlegende Dinge verbessern sich. Mein Körper kommt wieder ins Lot – und wird mehr. Überall wird es mehr. Und das obwohl ich nicht mehr als 2 Kg zugenommen habe. Das schöne feste, straffe, energetische Gefühl ist weg. Stattdessen weite Pullis und Trägheit. In einer Woche geht es zur definitiv Finalen Sitzung der Handauflegerin. Ihre Geheiß, 2 Wochen komplett runterzufahren habe ich dann beherzigt. Dann hatten alle beteiligten genug Zeit: der Körper, der Kosmos, der Nerv.

So weit vom Laufen wollte ich mich nie entfernen. Das wird ein extrem langer Weg zurück. Von 0 auf x in x Monaten. Der dritte Neuanfang. Vor einem Jahr habe ich das letzte Mal gedacht, ich würde es schaffen. Vor einem Jahr habe langsam, ganz langsam angefangen wieder zu laufen. Auf ein Neues.

Ich war beim Handaufleger. Osteopathen. Schließlich will ich nichts unversucht lassen. Also gehe ich auch da hin. Mein bisheriger Kontakt mit diesem Berufsbild waren zwei, drei wunderliche Geschichten von Bekannten. Es handelte sich um obskure Genesungsgeschichten, die sich die Betroffenen nicht selbst erklären konnten. Sie nuschelten nur etwas von Wärmeströmen und seltsamen Reaktionen des Körpers. Ich – nach wie vor nicht laufend, nicht schmerzfrei und sehr sehr unausgeglichen – griff nach diesem Strohhalm. Nicht ohne Skepsis und nicht ohne ätzende Kommentare. Schließlich galt es diesen Schritt vor mir selbst zu rechtfertigen. Die Krankenkasse bezahlt das ja nicht.

Erst einmal wird eine Bestandsaufnahme gemacht. Wo tut es weh? Seit wann? Gab es mal  OPs? So weit – so bekannt. Dann kam der Teil mit dem Handauflegen. Im Stehen, im Sitzen, Im Liegen. Die Hände lagen einfach auf meinen Schultern, auf meinem Rücken, unter meinem Hintern. Lange. bewegungslos. An Entspannung war nicht zu denken. Statt dessen bohren sich Zweifel und Spott in mein Gehirn.

Guck dich an. Liegst hier in Unterwäsche und lässt die Frau deine Arschbacken anfassen und glaubst, das jetzt alles wieder gut wird. Kein Effekt, keine warme Strömung, kein Plopp – nichts erlöst mich aus dieser Lage. Ab und zu zucken meine Beine – das liegt sicher daran, dass ich sehr angespannt da liege, weil ich mich nicht mit meinem vollen Gewicht auf die Hände der Frau legen will. Als sie zum Kopf wechselt, ragt, sie was mit meiner Linken Schulter los sei. da säße die Ursache, da sei eine Blockade. Aha. Hatte ich nicht gesagt, ich habe Probleme im Lendenwirbel Bereich und Schmerzen an der Außenseite der Knie? Schulter. Schulter? Ja, mein Gott als Sechsjährige habe ich mich an dem Tag, an dem ich Fahrradfahren gelernt habe gewickelt.

Afni Katirci hat sich getraut einen Abhang runter zu fahren, und ich wollte ihn beeindrucken. Also bin ich auch runtergefahren und habe mich überschlagen. Meine Schulter hat mir danach weh getan, was aber wieder weggehen würde, sagten meine Eltern damals. Als es nach einer Woche nicht weg war, haben sie es mal einem Orthopäden gezeigt, der ein gebrochenes Schlüsselbein diagnostiziert hat. Aber mein Gott. Das war 1982!

Aha, sagt jetzt die Frau. Das könnte die Ursache sein. Na, klar denke ich. Und was wäre gewesen, wenn es die rechte Schulter war? So genau weiß ich das nämlich nicht mehr. Die Zweifel bleiben. Ich bin ein Effekt Mensch. Ich glaube an Medikamente und an Geräte. Vorher – Nachher. Krank – Gesund.

Nach einer Stunde, ziehe ich mich wieder an. Wundere mich über mich, und bedanke mich höflich. Am besten noch mal wieder kommen, sagt die Frau. Dann hilft es besser. Na, klar, sage ich und denke an die 80 Euro.

Das war vorgestern. Seit ich diese Praxis verlassen habe, tut meine Schulter weh! Ich komme mir vor, wie ein Eishockey Spieler nach einem Body Check. Ein Kosmischer Witz? Nein, sagen die Fans des Handauflegens, nein – da löst sich eine Blockade. Das ist gut. Die Ursache ist gefunden. Die Selbstheilung läuft.

Ich weiß nicht womit es angefangen hat. Vielleicht mit Jugend trainiert für Olympia im Geräteturnen in der Mittelstufe.  Wir habe da immer im unteren Drittel herumgelungert. Gewonnen haben die selbstbewussten Turnerinnen des altsprachlichen Traditionsgymnasiums. Die hatten alle einheitliche enge Turnanzüge (diese Badeanzüge mit langen Ärmeln) und ballonseidene Jacken mit Schulwappen. Wir Provinzgesamtschüler mussten unsere verfusselten schwarzen Turnhosen und ausgeleierte weiße T-Shirts tragen, auf denen das verblasste Schulwappen aufgebügelt war. Unsere schlechte Platzierung – das war uns sonnenklar – lag ausschließlich an der mangelhaften Kleidung. Seid diesen Tagen sind Gemeinschaft generierende Trainingsklamotten mein liebster Fetisch. Seid diesen Tagen warte ich darauf endlich einmal so etwas zu besitzen. Ich stelle mir das vor wie eine Rüstung, die einen beschützt vor allerlei Unbill. Denn ein Trainingsanzug mit Aufdruck steht immer für eine Gruppe, für viele Gleichgesinnte die an einem Strang ziehen. Lieber keinen Streit anfangen mit denen. 

Ich komme auf sieben Sportvereine in meiner Vergangenheit aber keine Mitgliedschaft hat mich bisher mit einer Vereinskleidung beglückt. Volleyball habe ich in einer Herrenmannschaft gespielt, besser nur trainiert, weil es ja eine Herrenmannschaft war. Die hatten Trikots aber nur fürs Spiel. Beim DLRG hatten wir noch nicht mal einheitliche Bademützen, das einjährige Gastspiel beim Jiu Jitsu zog zwar den obligatorischen weißen Anzug nach sich – war aber auch nicht das gelbe vom Ei. Der alternative Reitverein verweigerte sich jeglicher traditioneller Reitkleidung und verteufelte Konformismus. Eigentlich machte mir das die Mitgliedschaft leichter, denn Vollversammlungen, Spalier stehen, Nudelsalat mitbringen und Gruppendynamik sind nicht so meins. Das Vereinsleben abseits des wöchentlichen zusammen Sport machen ist ein rotes Tuch für mich. Aber der Trainingsanzug lockt nach wie vor.

Aus nostalgischen Gründen bin ich im Frühjahr in den Sportverein meines Heimatdorfes eingetreten. Aus Jux und Dollerrei, und weil ich es witzig fand, bei den Volksläufen den Namen des Dorfes hinter meinem Namen zu lesen. Es ist ein Turn-, Sport- und Gesangsverein mit gefühlten 50 aktiven Fußballern, 30 aktiven Bänkelsängern und 7 Läufern (mit mir). Eigentlich sind es nur drei Familien. Ich fand das witzig. Trainiert wird zusammen mit einem größeren Laufreff aus dem Nachbarort. Ohne mich, ich wohn da nicht. Wir fahren zusammen zum Volkslauf und ich bekomme Tips. Leider meistens Ansagen, die mich stressen. Die im krassen Gegensatz zu meinem Gefühl oder zu den Aussagen meine Arztes stehen. Meistens haben sie mir schneller, weiter und trotzdem zu tun.  Mein Trainingsplan ist aus dem www, ab und zu, wenn es passt, dann machen wir einen langen Lauf zusammen. Wenn ich laufen kann. Was nach deren Einschätzung eigentlich immer ist, weil das komische Zipperlein nicht gilt.

Sechs der Sieben Läufer haben viel Erfahrung, zahlreiche Marathons in den Knochen, unzählige Verletzungen überstanden und mindestens vier von Ihnen laufen mich in Grund und Boden. Wenn ich dann nicht mache, was sie mir raten, weht meistens ein eiskalter Wind durch meine Beitrittserklärung und alles ist auf einmal überhaupt nicht mehr Ironie tauglich. Dann wird mir wieder klar warum mir das dort mit 19 zu eng geworden ist und ich – nicht ohne Groll – ausgezogen bin. Dann sehe ich auf einmal nur noch Nudelsalat und Bericht des Kassenwarts und Hecke schneiden und Sippenhaft. 

Soweit so einfach zu lösen: einfach wieder austreten. Die Idee war gut, doch die Welt noch nicht bereit. ABER: Jetzt werden Trainingsanzüge bestellt. Subventioniert vom Verein. Weil die Fußballer ja auch welche haben. Nach jahrelangem Hick Hack kriegt die Läufersparte auch Anzüge. Und ich – durch puren Zufall – mittendrin. Ist schon bestellt. Sieht gar nicht mal schlecht aus im Katalog. Das ist doch ein Zeichen! Das kann ich doch nicht einfach ignorieren! Da muss ich doch jetzt tapfer sein und einfach dran bleiben und grinsen und danke für den Tip sagen und mein Ding machen. Geht das noch als Pragmatismus durch oder sitze ich da mitten drin im  Opportunismus? 

Heute bin ich übrigens gelaufen. Erst eine Stunde Übungen dann eine halbe Stunde laufen mit den neuen Schuhen. Tip Top. Keine Klagen. Kleine Runde, ohne Ehrgeiz. Am Freitag möchte ich gerne wieder meine normale Runde laufen. Eine Stunde langsam und gemütlich. Und wenn das nicht klappt, muss ich mich an den Gedanken gewöhnen mich umzumelden. Dann wird aus dem Marathon eben ein Halbmarathon. Aber gelaufen wird. Weil es nämlich sehr viel Spaß macht, wenn es klappt.

Ein Opportunist ist ein „Jenachdemer“.  (Wilhelm Busch)

Guter Konsum ist schwer. Verantwortungsvoll Leben ist schwer. Beides ist teuer. 

Die Fragen wer meine Sportklamotten genäht hat oder welche Lebensmittel anständig und nachhaltig hergestellt werden kann man noch konkret beantworten. Wenn man möchte, kauft man daraufhin anders ein. Was ist aber mit weniger konkretem Konsum? Wie hoch ist meine persönliche CO2 Bilanz? Und was bedeutet sie? Errechnen kann man seinen Ecological Footprint online, dort bestätigt sich das ungute Gefühl, dass wir alle viel zu viel Energie verbrauchen: „die virtuellen Aktivitäten eines Europäers im Freizeitbereich nehmen mehr Energie und Ressourcen in Anspruch als die Befriedigung der elementaren Grundbedürfnisse eines Afrikaners“. (Joachim Lohse, Geschäftsführer des Öko-Instituts).

Und schon sind wir hier. In meinem Blog. Der frißt Energie. Kann ich das irgendwie rechtfertigen? Ist das nötig? Gibt es irgendeinen zwingenden Grund für dieses Tun? Nein. Gibt es nicht. Deshalb neutralisiere ich diese Schuld im übertragenden Sinne durch einen Baum. Wieder ein Gute Idee, die der ewige Anfänger weitersagt. Natürlich steckt hinter dieser Idee eine clevere Image Kampagne für eine Onlineplattform, die – wenn wunderts – auch was verkaufen möchte. Egal. Wenn wir Verbraucher auf sowas ansprechen, dann wird es ausgebaut. Und wenn Unternehmen ihre ökologische und soziale Verantwortung übernehmen und ausbauen dann ist das gut. Das das nicht aus Liebe zur Schöpfung geschieht, sondern einzig und allein aus Gründen der Gewinnmaximierung, das ist der Welten Lauf.

Also  laß ich mich jetzt vor den Imagekarren spannen und poste brav den Button für die Neutralisierung meines Blogs. Ein Baum ist ein Baum ist ein Baum. Verdammt noch mal.

CO2-neutral - Einkaufen und Angebote bei kaufDA.de

Nächste Seite »