Training


Ob es am neuen Kaffepulver lag oder daran, dass ich verschlafen habe? Heute Morgen bin ich in eine David Lynch Zeitloch gelaufen. Ein LOST FOREST TRAIL statt LOST HIGWAY.

Als ich die Kleingartensiedlung erreiche, sind die Wege leer, die Hundebesitzer und Frühläufer sind schon durch. Ich bin zu spät dran. Vor mir entdecke ich dann doch eine Frau. Die trägt aber Zivil. Lange Jeans, Häckelpulli. Aber sie läuft. Komisch. Vielleicht muss sie schnell zum Bus. Welcher Bus?

Ich hab vorher zu viel getrunken und muss deshalb im Stadtwald mal ins Gebüsch. Unter großen Farnblättern sitzend, schiebt sich langsam ein Polizeiauto in mein Blickfeld. Dann noch eins, und noch eins, sogar zwei Wannen und ein Zivilfahrzeug. Eine kleine, leise Kolonne im Schritttempo. Ich sitze da und halte den Atem an. Entspannt ist anders. Ich lasse sie passieren, gehe zurück auf den Waldweg und laufe weiter. Hinter der nächsten Kurve stehe sie . Eine gepanzerte, schwarze Wand, mit unruhige Augen die mir einen kleine Spalier öffnet durch den ich hindurchlaufe. Offensichtlich möchten sie die einsame Waldhütte betreten, was der Besitzer nicht möchte. Es ist alles so gespensitisch ruhig und langsam. „Kommen sie mal bitte zum Tor, hier spricht die Polizei!“

Das passt alles nicht zusammen. Ich laufe.  Gucke nicht rechts, nichts links, laufe einfach weiter. Hinter der nächsten Kurve laufe ich beinah in eine bunte, quitschende Blase aus Kleinkindern. Wandertag im Kindergarten. Alle Kinder und auch die Erzieherinnen tragen Winterklamotten. Wollmützen, Skihosen, dicke Jacken und imens große Kinderrucksäcke. Deshalb bewegen sie sich wie kleine bunte Pinguine. Watschel, watschel, giggel, giggel, raschel, raschel. Ich kann gerade noch rechtzeitig vor dem Schlußlicht-Pinguin in den Wald ausweichen und überhole querfeldein. Wieso sind die so angezogen? Wo wollen die denn hin? Oder wo kommen die her? 

Laufe weiter. Ruhig und langsam. Bis zum Schicki-Micki-Pferdehof. Anschlagen – und zurück. Die Kinder sind verschwunden. Dafür kommt mir doch tatsächlich diese Frau in langer Jeans und Häckelpulli entgegen. Jetzt sehe ich, dass sie Laufschuhe trägt. Ich grüße sie wieder, sie antwortet wieder nicht. Was macht die da?

Die Polizei ist auch verschwunden. Nichts mehr da. Vieleicht habe ich mir das ja eingebildet? Kurz vor meiner Haustür stehe ich mit zwei Polizistinnen an der Ampel. Sie haben Schusssichere Westen und diese Panzer an den Schienbeinen und Ellenbogen. In der Hand halten sie jeweils ein großes Puddingstück vom Bäcker. Sie gucken mich an, ich gucke sie an. Kennen wir uns? Ich laufe weiter. Schnell nach Hause. Unter die kalte Dusche. Eine Stunde ist vergangen, meine Beine sind etwas schwer. Ich habe also nicht geträumt.

Alles falsch gemacht. Kleines Brot gegessen wegen großem Hunger, neue 85% Jacke angezogen wegen 100% Sinnflut-Regen und dann einen sehr unerfreulichen Lauf hinter mich gebracht. Immer, immer, immer ziehe ich mich zu warm an. Ich verstehe das nicht. Ich werde jetzt einen Zettel an die 85% Jacke kleben „Achtung, zu warm!“. Sonst rennen ich das nächste Mal wieder mit hochgekrenpelten Ärmeln und offenem Reißverschluß  durch die Gegend. Und so ein kleines Brot kann sich ganz schön aufspielen im Magen. Dabei wollte der es nicht anders.

Der Hunger war da und ich wollte laufen. Und wenn ich Hunger habe, dann zählt eine große, bedrohliche, innere Uhr mit roten Digitalziffern im Sekundentakt rückwärts. Die Gedanken fokussieren immer mehr auf den niedrigen Energielevel und dulden keine Ablenkung. Bei Null explodiere ich. Es sei denn, ich esse was. Aus diesem Grund habe ich jetzt immer Vitalgebäck aus dem Discounter in der Tasche. Das hat schon die Ein oder Andere Eskalation verhindert. Heute nicht. Heute bin ich bockiger zurückgekommen, als ich losgelaufen bin. Heute gab es statt Entschleunigung, Brandbeschleunigung.

Und wann hört dieser Regen endlich auf. Das ist doch nicht mehr normal. An der Arbeit ist schon das Dach undicht. Und überall sind hellrote Nacktschnecken auf denen man ausrutscht. Das muss doch nicht sein. Kriegt man total schlecht aus dem Profil rausgekratzt. Auf mein Belohnungsbrot für hinterher habe ich keinen Bock mehr. Das rote Pesto sieht plötzlich aus wie Nacktschnecken-Mouse. 

Weil das Naherholungsgebiet um die Ecke mich langweilt bin ich heute mit Mann und Hund auf dem Fahrrad raus aus der Stadt gefahren um im Wald zu laufen. Da wo andere Leute einen Kindersitz am Fahrrad haben, ist bei uns jetzt ein Hundekorb. Ist halt so. Die Symbolik ist mir klar und ich will nicht drüber reden…. Der Hund könnte sonst nicht mit wegen zu kurzer Beine. Und in der W 30 muss man nicht zwangsläufig schon Kinder haben. Es gibt ja noch die W 35. Die ist dafür auch noch gut. Zurück zum Fahrrad.

Fünf Kilometer raus aus der Stadt mit dem Fahrad sind prakatisch, weil man dann schon warm ist und gleich ein bisschen dehen kann. Der Wald ist super. Kühl und menschenleer. Nicht so ein hergerichteter Stadtwald wie ihn die fremde Stadt der Arbeitswoche hat. Ein Wald mit Rückefahrzeugen und Matsch und Holzstapeln am Rand und viel viel Platz. Ich bin kein Mensch für Ballungsgebiete, merke ich immer wieder. Da nehme ich gerne eine schwächelde Infrastruktur und ein mikriges Kulturangebot in kauf. Wenn ich aber nie die Spuren der Zivilisation aus dem Blickfeld bekomme, dann werde ich unruhig. Wir laufen zusammen durch den schattigen Wald und – ich bin fitter. Ja. Das muss hier mal gesagt werden! Vor 2 Monaten hat mir mein Mann auf 10 Km noch 5 Minuten abgenommen. Und das, ohne zu trainieren. Abgesehen vom Fussballspielen. Heute musste ich ihn den Berg raufziehen. Und das, obwohl ich so lange Pause gemacht habe nach dem Halbmarathon. Ach, ist das schön. Habe ich schon gesagt, das er noch in der M 20 startet? Vor lauter Übermut habe ich uns für den Stadtlauf nächsten Samstag angemeldet. Da kriege ich angeblich eine Packung, die sich gewaschen hat. Kann gut sein. Aber heute grinse ich.

Unterwegs waren wir zu Fuß ca. 7 Km und haben 45 Minuten gebraucht. Das kann aber auch etwas länger oder etwas kürzer gewesen sein. Wir waren ja schließlich im echten Wald, da kennt sich Google Earth nicht aus.

Vor viert Tagen habe ich meine treuste und längste Laufpartnerin verloren. Mit ihr habe ich vor über 15 Jahren angefangen zu laufen. Damals hieß das noch joggen und meine Turnschuhe habe ich aufgrund der Farbe ausgesucht. Sie waren weiß und hatten türkise Streifen. Dieses eine Paar habe ich zum Schulsport, zum Volleyballspielen und zum Joggen angezogen. Wir sind immer die gleichen zwei Runden im Wald hinter unserem Haus gelaufen. Wenn wir viel Zeit hatten, dann ca. 8 Km, ansonsten nur 4 Km. Jahrelang immer dieses Runden. Ohne Probleme. Danach ging es uns gut, wir waren an der frischen Luft und hatten uns bewegt.Das war der Grund fürs Laufen. Sie war mein Pacemaker, meine Pulsuhr und mein Motivator. Irgendwann, vor ca. 3 Jahren,  konnte sie nicht mehr mitlaufen, weil sie Arthrose hatte. Diese Athrose war zuletzt so schlimm, dass sie nicht mehr laufen konnte. Am Sonntag ist auf der Weide eingeschläfert worden. Sie war ein Pferd. 

Ohne Sie laufen ist eine andere Welt. ich habe meine Runden vergrößert, habe an Rennen teilgenommen und mich für einen Marathon angemeldet. Früher waren gute Laufstrecken Wege mit weichem Boden oder mit breite Grasstreifen. Früher habe ich mich immer an ihrem Trabtempo orientiert. Und obwohl wir schon zwei Jahr nicht mehr zusammen laufen konnten und der Schritt sich angekündigt hat, war es heute der finale Lauf zum Abschied. Allein im fremden Wald der neuen Stadt, über den Rindenmulch, den sie geliebt hätte, hinein in den Wald. Unterwegs rasen die Gedanken durch die letzten 25 Jahre , immer wieder schnürt sich mir die Kehle zu, immer wieder muss ich kämpfen. Ich komme in ein Wasserschutzgebiet mit vielen kleinen Brunnen am Wegesrand. Wie praktisch! Hier kann man unterwegs trinken. Das muss ich auch, denn ich bin heute lange unterwegs. Insgeamt brauche ich 1 1/2 Stunden für die ausgekundschaftete neue Strecke. Google Earth sagt es sind 16 km. Das war mein Nahziel. 15 Km im langsamen Dauerlauf ohne Schmerzen. Es geht weiter. Anders zwar. Aber es geht weiter.

Vor der Arbeit wollte ich endlich laufen. Am Wochendende sind Dinge passiert, die ich aus dem Kopf bekommen musste. Also habe ich den Wecker extra früh gestellt, und bin ohne snoozeln aufgestanden. Alles schön. Ein Kaffee am Küchentisch und los. Eine Stunde habe ich eingeplant. Im Nieselregen gehe ich bis an den Stadtrand und gehe dabei in Gedanken durch meine müden Glieder. Super Luft, der Rindenmulch federt wie zuvor, der Regen tropft von den Blättern – Alles schön. Die Uhr zählt die Minuten für mich – achso wie spät ist es eigentlich? Schock! In 20 Minuten habe ich einen Termin. Wo ist denn die Zeit hin? Es war doch alles so schön geplant! Ich drehe sofort um und verabschiede mich vom langsamen Dauerlauf für die Ausdauer. Wie eine angesengte Wildasu rase ich nach Hause, springe unter die Dusche, in den Bus und krame nach dem Handy. Ich werde zu spät kommen. Haare noch naß, sitze ich da im Trägerhemd zwischen den ganzen dicken Jacken und schwitze mit hochrotem Kopf nach. Mit 15 Minuten Verspätung komme ich bei meinem Termin an, Gott Sei Dank ist das heute völlig im Rahmen. Trotzdem versteh ich die Welt nicht mehr.

Ich bin doch rechtzeitig aufgestanden! Wo ist die Zeit hin? Mikrige 35 Minuten bin ich gelaufen. Nach gründlicher Nachsuche gibt es nur eine Erklärung: Ich muss eine dreiviertel Stunde aus dem Küchenfester gestarrt haben.  Standby Modus trotz Kaffee. Was ich mit diesem angelaufenem Tag mache, ist mir noch nicht klar. Ich werde es morgen nochmal versuchen müssen. Mit Ruhe und Bedacht.

Warum ist es denn auf einmal wieder kalt? Ich habe nur kurze Laufklamotten mitgenommen und jetzt sitze ich hier in dieser eisigen Schaafskälte. Eine Jacke muß her, aber zack zack. Ich genehmige mir – entgegen meines Sparkurses – bei der Aktionswaare zu stöbern. Dort hängt eine Jacke, reduziert, aus einer mir unbekanten Kunstfaser. Ich brauche Hilfe.

Hallo. Ist diese Jacke wasserdicht?

Nein. Dass ist Softshell.

Aha. Winddicht?

Das ist doch Softshell.

Was kann denn Softshell?

Das ist eine leichte Jacke zum Laufen.

Ich möchte heute Laufen. Es ist kühl und könnte etwas regnen. Ist diese Jacke dafür geeignet?

Sie haben doch eine Jacke an.

Ich möchte joggen gehen.

Achso. Dafür ist die ideal. Die Softshelljacken sind genau das richtige für dieses Wetter.

?

Ohne Worte! War aber billig: 21,-  statt 60,- € . Etwas zu groß, aber genau richtig für dieses Wetter, habe ich dann auch festgestellt.

Ich habe nämlich wieder eine Stunde gschafft. Einfach so. Ohne Probleme. Die Luft war großartig. Klar, Kalt, frisch. Im sanftem Trab gings mit der soften Jacke über fluffigen Rindenmulch. Die nächste Runde wird etwas größer. Und nächste Woche kann ich dann die langsamen 15 km angehen. Was ja mein kurzfristiges Ziel ist. Ging dann doch schneller als gedacht.

(Ich habe meine Wissenslücke natürlich schnell geschlossen. Jetzt weiß auch ich, dass Softshell Klamotten im Allgemeinen stark Wind und Regen abweisend sind und eine erhöhte Atmungsaktivität gegenüber wasserdichten Materialien aufweisen.  Softshelljacken bieten bei 85% aller Witterungen Schutz und heißen deshalb auch 85%-Garment. Das heißt, ich habe neben Shock Absorber und Hightech Unterhose einen neuen Profibegleiter für jeden Tag. )

Eine neue Stadt, ein neues Zimmer auf  Zeit, ein neues Büro und neue Landschaft zum entdecken. Zur Belohnung will ich nach dem ersten Arbeitstag laufen gehen. Den Weg aus der Fußgängerzone in den Stadtwald muss ich mir auf dem Stadtplan zeigen lasssen. Das Bein zwickt – ist mir aber egal. Wenn es richtig schmerzt, höre ich wieder auf. In meinem Laufklamotten komme ich mir doof vor zwischen alle den Feierabendeinkäufern. Die angezogenen Menschen stören mich zu Hause gar nicht mehr, hier aber schon. Ich flüchte durch ein Wohngebiet, ohne zu wissen wie lange es dauern wird, bis ich endlich den Pfad am Bach erreiche. Mein Kopf ist mit Orientieren beschäftigt, ich vergesse auf Rücken und Knie zu achten. Nach 10 Minuten erreiche ich eine Kleingartensiedlung durch die sich ein Pfad mit Rindenmulch schlängelt. Der Boden ist fluffig und weich. Die Abendsonne blendet, Mücken fliegen mir den den Mund, aus den Gärten wabern Grillgerüche und DrumnBass. Ich laufe weiter. Durch einen Wald bis zu einem luxeriösem Pferdehof. Die Uhr sagt 30 Minuten. Ich sage Zeit umzudrehen. Erst jetzt merke ich, dass ich einen kleinen Berg hinaufgelaufen bin. Also geht es jetzt gemächlich bergab. Bis nach Hause. Fühlt sich überhaupt nicht mehr komisch an in Laufbuchse und verschwitztem T-Shirt. Ich bin wieder bei mir. Eine Stunde, etwas mehr als 9 Km. Glück. Glück. Glück. Das war gestern. Morgen wieder.

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