Vorbild


Am Freitag wäre vor meiner Haustür ein 10 Km Volkslauf. Meine Expertenrunde läuft. Ich hab es mir schon vor Monaten in den Kalender geschrieben. Aber Rücken und Knie mucken heute immer noch. Das ist die Quittung vom doofen Lauf.  Schade.

Wenn ich aber etwas im letzten halben Jahr gelernt habe, dann, dass ich mir mit gegen den Schmerz laufen und tapfer sein, 4 Wochen Pause einbrocke. Ich will nicht wieder zurückgeworfen werden. Ich will nicht wieder 5 Minuten laufen und dann abrechen. Will im Hochsommer keine Wärmesalbe auf den Rücken schmieren.

Den Leuten um mich herum gelingt dieses Pensum. Es ist Ihnen in ihrer ersten Saison gelungen. 25 Jahre älter und auf 10 km 6 Minuten schneller. Und auf den langen Distanzen unerreichbar. Anstatt mich aber auf mein Ziel im Oktober zu fokussieren, bleibe ich immer wieder bei den Volkslaufergebnissen hängen. Völlig bekloppt! Warum kann ich nicht umschalten? Von schneller! schneller! auf weiter! weiter! Warum diese Wettkampfgedanken? Muss ich mir jetzt die 10 km Läufe verbieten, obwohl sie mir so viel Spaß machen? Keine Schulumkleidekabinen, kein lauwarmer Zitronentee, kein Fantakuchen mehr? Eine Entscheidung steht an.

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Samstag Nachmittag mitten in der Fußgängerzone in Laufklamotten stehen ist komisch. Zwischen den normalen Einkäufern fühle ich mich unangezogen und sehr unwohl. So ist das also bei einem Straßenrennen. Hm. Ich weiß nicht ob ich das mag. Da kann auch das Kuchenzelt nichts rausreißen, trotz Waffeln. Ich bin nervös. Ich soll ja heute die Antwort auf unseren Waldlauf des letzten Wochenendes bekommen. Die Lockerheit geht mir immer mehr verloren. Ich schaffe es nicht die scherzhafte Pseudo-Wettkampfsituation zwischen uns aufrechtzuerhalten. Der Humor hat sich verabschiedet als ich die Startnummer angepinnt habe. Ich merke, wie langsam die Bundesjugendspiel-Mentalität Oberhand gewinnt. So stehen wir da, zwischen Flatterbändern auf den Strassenbahnschienen, angeglotzt von Leuten mit großen Einkaufstüten, beschallt von schlechtem Dancefloor und warten auf den Start. Och ne, Volkslauf ist schöner in der Pampa. 

7 Runden im Kreis macht 10 Km, los geht es. Ich erblicke ein paar bekannte Gesichter und suche mir eine Läuferin aus, an die ich mich halten werde. Sie läuft ein gutes Tempo, sehr gleichmäßig und ruhig. Mein Mann ist nach 5 Minuten weg. Soll er. Ich weiß nicht wie das hier wird. Ich komme mir vor wie auf einem Blindflug. Komisch. Die erste Runde ist schnell geschafft, die Leute puschen, die Musik lenkt ab. Ich kriege aber kein Gefühl für das Tempo. Um mich herum klagen immer mehr Läufer, sie seien zu schnell losgelaufen. Alle scheinen sich Rundenzeiten ausgerechnet zu haben oder laufen mit Pulsuhr.Wir werden überrundet und überrunden selbst. Ich bin total orientierungslos. Die Frau vor mir läuft wie ein Moped, ich hinterher. Runde um Runde. Langsam geht mir auf, dass es keinen Getränkestand gibt. Deshalb laufen viele mit Gürtel. Kurzzeitig schiebe ich Panik. Kein Wasser! Oh Gott, kein Wasser! Irgendwie komme ich wieder runter. Vielleicht weil ich keinen Durst habe? Es ist kühl, Regenwolken hängen über der Stadt. Man muß jetzt nichts trinken. Vor allem nicht, wenn man den ganzen Tag über schon 3 Liter Wasser in sich hineinlaufen lassen hat. Ich bin so eine Drama Queen. 

Nach 35 Minuten fällt mir auf, daß ich die Runden nicht mitgezählt habe. Scheiße. Wie peinlich. Ich fasse mir ein Herz und frage die Frau, hinter der ich die ganze Zeit klebe. Sie lacht mich an und gesteht, dass sie auch durcheinander gekommen sei und sie gerade ihr erstes Rennen laufe. Krass! Sie läuft so rutiniert und ruhig und gelassen. Kompliment! Allerdings sind wir keinen Schritt weiter. Wir überschlagen unsere Zeiten und beschließen noch zwei Runden zu laufen. Alle 5 Minuten fragte Eine „bist du sicher?“ worauf die Andere immer antwortet „Nicht wirklich.“ Egal. Wir passieren das Ziel und neben uns läuft die schnellste Frau ein. Kommt das hin? Nur noch eine Runde? Ich bin aber doch noch so fit? Wir beschließen alles auf eine Karte zu setzten und das Tempo nochmal anzuziehen. Ich biete an, mal nach vorne zu gehen. Es ist starker Wind, ich habe mich hinter ihr ja schonen können. Wir legen noch einen Zahn zu. Es macht Spaß und tut nicht weh. In diesem Tempo würde ich bis ins Ziel kommen, für eine weitere Runde reicht es aber nicht. Egal. Dann ist das so. Der Zweifel nagt und nagt. Entweder wir sind sehr gut in der Zeit, oder richtig schlecht. Egal, weiter. Wir reihen uns in den Zieleinlauf-Flatterband-Kanal und rennen ins Ziel. „Haben wir genug Runden?“ „Weitergehen“ „Nicht stehenbleiben“. Beim Getränkestand denke ich daran meine Uhr zu stoppen. 54 Minuten. Es kommt hin. Allerdings müsste ich eine neue Bestzeit gelaufen sein. Wir müssen über unser Dummheit lachen, tauschen Handnummern und halten die Klappe. Mein Mann hat es übrigens geschafft. Er war schneller. 49:39 Minuten – die Scharte ist ausgewetzt. 

Nach der Dusche suchen wir in den auslegenden Urkundenstapeln nach unseren Namen. Für mich gibt es keine. Also doch verzählt. So was dämliches. Wie peinlich…. Zum Trost will ich eine Waffel kaufen, die sind aber alle. Wenn es läuft, dann läuft es. Auf der aushängenden Ergebnisliste stehe ich aber drauf. Oh. 3. Platz in der AK. Ich bekomme meine Urkunde auf der Siegerehrung mit einem Handtuch. Meine neue Bestzeit lautet 52:43. Und das ohne Quälerei, ohne Schmerzen mit Spaß und Quatsch. Eigentlich habe ich gewonnen. Und er. Wir grinsen beide.

Nach dem Wettrennen am 1. Mai hatte ich einen soliden Muskelkater. Wahrscheinlich habe ich mich nicht ausrechend ausgelaufen. Gestern war eine Stunde mit Hunden und netter Läuferin im Wald geplant. Es hat gegossen wie aus Kübeln. Hilft ja nichts. Ärmelchen wieder dran an die Westen und los. Die Suppe tropft von der Schirmmütze, die Hunde lassen die Ohren hängen, die Füsse sind nass. Im Knie zieht es ab und zu. Das Bergab Temporennen ruft sich in Erinnerung. Das hat dem Rücken nicht gefallen. Zwischendurch bleibe ich mehrmals stehen und dehne, das hilft. Wir sprechen über den HM. Wie soll ich die Woche gestalten. Der Plan sagt 3 x kleine Mini Einheiten. Sie fährt einmal Rad. Hat aber jedes Mal wenn ich 10 Km Rennen gelaufen bin ein 20 km Rennen gemacht. Ob ich Schwimmen gehe? Eine meiner Blasen ist gestern noch Mal wundgescheuert worden. Jetzt laufe ich barfuß in Flip Flops. Das hilft bei mir am Besten: Luft Luft Luft. Wenn ich die drei Minieinheiten mache, kann die nicht abheilen. Chlorwasser würde sie aufweichen. Ei Ei Ei. erstmal beruhigen….

Heute war schon um 9.00 Uhr  Start. Da gingen auch bei mir keine Nudeln rein. Statt dessen Kaffee und Müsli wie immer. Heute habe ich gelernt: der 1. Mai ist nicht nur Wandertag sondern Volkslauftag. Was für ein großes Starterfeld! Es galt 10, 6 Km zu laufen, 5 bergauf, 3 bergab und 2,6 Km flach. Los ging’s bei mir recht abgeklärt:

Uhr habe ich angestellt, weil heute zur Erinnerung geschossen wurde… Bergauf habe ich mich schön zurückgehalten. Die Kilometerbschilderung an der Seite hat mich total verwirrt, weil dort die Angaben für den 5, 10 und 19,8 Km Lauf standen. Ich habe die Unterschiede nicht herausgefunden. Dieses Durcheinander hat mir aber ein unglaubliches Hochgefühl beschert, als es mich glauben lassen hat, ich wäre in 20 Minuten schon 5 KM bergauf gelaufen. Haha. Die Ernüchterung kam promt beim nächsten Schild. Irgendwann wurde mir das zu bunt und ich bin auf eine Triathletin aufgelaufen, die ich einfach gefragt habe wo wir sind. Die war nett und hat mich ein bisschen mitgezogen. Mit ihr zusammen bergab zu fliegen war das Highlight des heutigen Tages. Große Schritte im Gleichschritt, 3 KM in gefühlten 3 Minuten. Toll. Unten am Berg kam dann doch mein Verstand zurück. Spätestens als wir eine sehr starke Läuferin überholt haben, die normalerweise mindestens 3 Minuten schneller läuft als ich. Da habe ich mich artig bedankt, einen schönen weiteren Lauf gewünscht und bin da geblieben. Das war leider zu spät. Die 3 Km auf der ebenen Teerstrasse bis zum Ziel waren mein Tod. Alle Läufer vor mir verschwanden am Horizont, die Kraft war weg. Einfach weg. Ich wollte aufhören. Nur der HM nächste Woche hat mich davon abgehalten. Was soll ich denn dann da machen? Wo kommen wir denn da hin? Nix da. Lächeln und weiter. Ekelhaft. Habe 56 min gebraucht, Platz 7 in der AK. Damit bin ich zufrieden. Nicht zufrieden bin ich mit dem immer wiederkehrenden Szenario auf den letzten 2000 Metern. Da ist keine Kraft mehr da. Da sterbe ich jedes Mal. Das möchte ich nicht mehr. Da muss sich was ändern. Ich glaube das Wort heißt Ausdauer….

Die netten Läuferinnen haben sich vermehrt. Heute waren wir zu fünft um einen 2 Stundenlauf zu machen. Für mich der Erste. Es war sehr gemütlich und ich habe genauso wie beim 1 1/2 Stundenlauf fast nicht geschwitzt. Stattdessen habe ich ausführliche Einblicke in das, was man gemeinhin als Frauengeschichten bezeichnet, bekommen. Von Bienenstichen in pikante Körperteile auf Nudistencampingplätzen bis hin zu Füsse vergrößernde Schwangerschaften. War es der Wald, war es der immer gleichbleibende Rhythmus der Schritte, die Abendsonne? Gibt es beim laufen immer diese relaxte Vertrautheit? So richtig warm werde ich damit nicht. Mir ist es glaub ich lieber, man hat nicht all zu viel Puste zum Erzählen. Weil ich eigentlich manche Sachen gar nicht so genau wissen möchte. Jetzt bin ich platt. Platt vom Laufen. Platt vom Zuhören. Aber glücklich, denn ich habe wieder etwas zum Ersten Mal gemacht und durchgehalten.