Wettrennen


Hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.
Bedeutender.
Schwerwiegender.
Ist aber einfach ein stürmischer Herbsttag. Meine Mutter ist in Köln mit 4 1/2 Stunden eingelaufen, ihre Urkunde habe ich schon runtergeladen. Während sie durch die Strassen von Köln gelaufen ist, getragen von Stimmung, Stimmung und Stimmung, war ich zwei Stunden mit dem Hund im Feld unterwegs und bin schnell gegangen. Habe mit Gedanken gemacht über die verschiedenen Weidezaunsysteme, über das Leben auf dem Land und mich über ein blühendes Rapsfeld gewundert. Hatte das erste Mal in diesem Herbst kalte Wangen und eine rote Nase und zu Hause mehr Durst auf Tee als auf alkoholfreies Weizenbier.

Die Aufgeregtheit in Köln ist so weit weg, dass ich heute morgen noch nicht mal in Erwägung gezogen habe, den Lauf online mitzuverfolgen. Es hatte einfach nichts mehr mit mir zu tun. Der 4. Oktober ist noch nicht einmal mehr der Tag eines großen Scheiterns, er ist einfach nur ein Sonntag im Herbst. Mit Tee und Zeitung auf dem Sofa und später mit einem Tatort. Heute aus Köln.

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Die Anmeldebestätigung des Köln Marathons liegt ausgedruckt neben mir. Auf der Rückseite habe ich handschriftlich eine Vollmacht für meine Mutter geschrieben. Sie holt mein Zeug ab, und bringt es mir mit. Als sie mir die Anmeldung geschenkt hat, hat sie in rührender Zuversicht keine Rücktrittsversicherung für mich abgeschlossen und gleich ein Finisher T-Shirt mit bestellt. Das kann Sie jetzt anziehen. Mitkommen soll ich lieber nicht, sagt sie, das tue zu sehr weh. Und vier Stunden noch was da sitzen und hätte, wäre, sollte, wenn Gedanken haben finde ich jetzt auch nicht erfrischend. Sie ist Routinier genug, das noch einmal alleine zu genießen.

Was lerne ich jetzt daraus? Das ich schon ewige Zeiten Rückenschmerzen habe. Rückenschmerzen waren nicht mehr der Rede wert. Teilweise konnte ich nicht vom Stuhl aufstehen, sondern musste erstmal im 90° Winkel loslaufen. Typische Schreibtischtäter Kauerhaltung. Erst das ambitionierte Laufen hat bei mir den Leidensdruck so erhöht, dass ich es endlich angegangen bin. Jetzt registriere ich eine Unruhe im Rücken, die von einer Neuordnung herzurühren scheint und ab und zu bereits einem lockeren Rücken. Ich vermeide, wenn möglich zu sitzen und habe ein klappriges, selbstgebasteltes Stehpult für meinen Rechner im Büro.

Mit diesem Wissen geht es jetzt weiter. Heute habe ich mich 16 Km vor der Stadt aussetzten lassen und bin mit dem Hund zurück ge…..walked. Muss man sagen. Es war Walken ohne Stöcke. Zwei Stunden war ich getarnt, mit großer Sonnenbrille unterwegs. Jeder Spaziergänger wird akzeptiert und jeder noch so langsame Läufer, aber wehe man geht schnell, mit angewinkelten Armen…. Satan weiche… So viele doofe Sprüche wie heute wurden mir noch nie an den Kopf geworfen. „Haben sie dir die Stöcke geklaut?“ Statt freundlichem Gruß nur Verachtung. Nach einer Stunde im Feld-Wald und Wiesen Speckgürtel war ich geheilt von jeder Scham.  „Ja, du Micky-Maus ich kann gerade nur schnell gehen. Sei froh, das ich das ohne Stöcke mache du Fair Play Antithese.“

Ich bin eine kühle Brise, wiederhole mein Mantra laß sie überholen, laß sie überholen und lächle. Irgendwann… Irgendwann, treffe ich euch wieder…

Nach der vorvorletzten Akupunktur steige ich heute völlig verstrahlt in die falsche Bahn, merke es nach drei Haltestellen und will mit einem Wechsel auf den Bus die Route korrigieren. Kann ja mal passieren. Ich steige aus und laufe zur Bushaltestelle in ca 200 Meter Entfernung. Bereits nach zwei Schritten sehe ich meinen Bus im Augenwinkel und renne. Renne wie eine Bekloppte. Der Rucksack scheppert auf dem Rücken, die iPod Stöpsel fliegen aus den Ohren, die Ballerinas platschen auf den Teer.

Dieser Bus überholt mich nicht! Nicht heute! Ohne Mühe fliege ich über den Bürgersteig, das Motorengeräusch im Nacken. Noch 10 Meter, der Bus zieht langsam an mir vorbei. Endspurt! Der Fahrer macht nur vorne auf. Schneller! Mit Siegermiene springe ich in die Tür und funkel den Busfahrer aus kämperischen Augen an. Nicht schlecht brummelt der nicht schlecht. Drinnen werde ich von drei klatschenden Damen begrüßt.

Besser als jeder Volkslauf.

Am Freitag wäre vor meiner Haustür ein 10 Km Volkslauf. Meine Expertenrunde läuft. Ich hab es mir schon vor Monaten in den Kalender geschrieben. Aber Rücken und Knie mucken heute immer noch. Das ist die Quittung vom doofen Lauf.  Schade.

Wenn ich aber etwas im letzten halben Jahr gelernt habe, dann, dass ich mir mit gegen den Schmerz laufen und tapfer sein, 4 Wochen Pause einbrocke. Ich will nicht wieder zurückgeworfen werden. Ich will nicht wieder 5 Minuten laufen und dann abrechen. Will im Hochsommer keine Wärmesalbe auf den Rücken schmieren.

Den Leuten um mich herum gelingt dieses Pensum. Es ist Ihnen in ihrer ersten Saison gelungen. 25 Jahre älter und auf 10 km 6 Minuten schneller. Und auf den langen Distanzen unerreichbar. Anstatt mich aber auf mein Ziel im Oktober zu fokussieren, bleibe ich immer wieder bei den Volkslaufergebnissen hängen. Völlig bekloppt! Warum kann ich nicht umschalten? Von schneller! schneller! auf weiter! weiter! Warum diese Wettkampfgedanken? Muss ich mir jetzt die 10 km Läufe verbieten, obwohl sie mir so viel Spaß machen? Keine Schulumkleidekabinen, kein lauwarmer Zitronentee, kein Fantakuchen mehr? Eine Entscheidung steht an.

Samstag Nachmittag mitten in der Fußgängerzone in Laufklamotten stehen ist komisch. Zwischen den normalen Einkäufern fühle ich mich unangezogen und sehr unwohl. So ist das also bei einem Straßenrennen. Hm. Ich weiß nicht ob ich das mag. Da kann auch das Kuchenzelt nichts rausreißen, trotz Waffeln. Ich bin nervös. Ich soll ja heute die Antwort auf unseren Waldlauf des letzten Wochenendes bekommen. Die Lockerheit geht mir immer mehr verloren. Ich schaffe es nicht die scherzhafte Pseudo-Wettkampfsituation zwischen uns aufrechtzuerhalten. Der Humor hat sich verabschiedet als ich die Startnummer angepinnt habe. Ich merke, wie langsam die Bundesjugendspiel-Mentalität Oberhand gewinnt. So stehen wir da, zwischen Flatterbändern auf den Strassenbahnschienen, angeglotzt von Leuten mit großen Einkaufstüten, beschallt von schlechtem Dancefloor und warten auf den Start. Och ne, Volkslauf ist schöner in der Pampa. 

7 Runden im Kreis macht 10 Km, los geht es. Ich erblicke ein paar bekannte Gesichter und suche mir eine Läuferin aus, an die ich mich halten werde. Sie läuft ein gutes Tempo, sehr gleichmäßig und ruhig. Mein Mann ist nach 5 Minuten weg. Soll er. Ich weiß nicht wie das hier wird. Ich komme mir vor wie auf einem Blindflug. Komisch. Die erste Runde ist schnell geschafft, die Leute puschen, die Musik lenkt ab. Ich kriege aber kein Gefühl für das Tempo. Um mich herum klagen immer mehr Läufer, sie seien zu schnell losgelaufen. Alle scheinen sich Rundenzeiten ausgerechnet zu haben oder laufen mit Pulsuhr.Wir werden überrundet und überrunden selbst. Ich bin total orientierungslos. Die Frau vor mir läuft wie ein Moped, ich hinterher. Runde um Runde. Langsam geht mir auf, dass es keinen Getränkestand gibt. Deshalb laufen viele mit Gürtel. Kurzzeitig schiebe ich Panik. Kein Wasser! Oh Gott, kein Wasser! Irgendwie komme ich wieder runter. Vielleicht weil ich keinen Durst habe? Es ist kühl, Regenwolken hängen über der Stadt. Man muß jetzt nichts trinken. Vor allem nicht, wenn man den ganzen Tag über schon 3 Liter Wasser in sich hineinlaufen lassen hat. Ich bin so eine Drama Queen. 

Nach 35 Minuten fällt mir auf, daß ich die Runden nicht mitgezählt habe. Scheiße. Wie peinlich. Ich fasse mir ein Herz und frage die Frau, hinter der ich die ganze Zeit klebe. Sie lacht mich an und gesteht, dass sie auch durcheinander gekommen sei und sie gerade ihr erstes Rennen laufe. Krass! Sie läuft so rutiniert und ruhig und gelassen. Kompliment! Allerdings sind wir keinen Schritt weiter. Wir überschlagen unsere Zeiten und beschließen noch zwei Runden zu laufen. Alle 5 Minuten fragte Eine „bist du sicher?“ worauf die Andere immer antwortet „Nicht wirklich.“ Egal. Wir passieren das Ziel und neben uns läuft die schnellste Frau ein. Kommt das hin? Nur noch eine Runde? Ich bin aber doch noch so fit? Wir beschließen alles auf eine Karte zu setzten und das Tempo nochmal anzuziehen. Ich biete an, mal nach vorne zu gehen. Es ist starker Wind, ich habe mich hinter ihr ja schonen können. Wir legen noch einen Zahn zu. Es macht Spaß und tut nicht weh. In diesem Tempo würde ich bis ins Ziel kommen, für eine weitere Runde reicht es aber nicht. Egal. Dann ist das so. Der Zweifel nagt und nagt. Entweder wir sind sehr gut in der Zeit, oder richtig schlecht. Egal, weiter. Wir reihen uns in den Zieleinlauf-Flatterband-Kanal und rennen ins Ziel. „Haben wir genug Runden?“ „Weitergehen“ „Nicht stehenbleiben“. Beim Getränkestand denke ich daran meine Uhr zu stoppen. 54 Minuten. Es kommt hin. Allerdings müsste ich eine neue Bestzeit gelaufen sein. Wir müssen über unser Dummheit lachen, tauschen Handnummern und halten die Klappe. Mein Mann hat es übrigens geschafft. Er war schneller. 49:39 Minuten – die Scharte ist ausgewetzt. 

Nach der Dusche suchen wir in den auslegenden Urkundenstapeln nach unseren Namen. Für mich gibt es keine. Also doch verzählt. So was dämliches. Wie peinlich…. Zum Trost will ich eine Waffel kaufen, die sind aber alle. Wenn es läuft, dann läuft es. Auf der aushängenden Ergebnisliste stehe ich aber drauf. Oh. 3. Platz in der AK. Ich bekomme meine Urkunde auf der Siegerehrung mit einem Handtuch. Meine neue Bestzeit lautet 52:43. Und das ohne Quälerei, ohne Schmerzen mit Spaß und Quatsch. Eigentlich habe ich gewonnen. Und er. Wir grinsen beide.

Weil das Naherholungsgebiet um die Ecke mich langweilt bin ich heute mit Mann und Hund auf dem Fahrrad raus aus der Stadt gefahren um im Wald zu laufen. Da wo andere Leute einen Kindersitz am Fahrrad haben, ist bei uns jetzt ein Hundekorb. Ist halt so. Die Symbolik ist mir klar und ich will nicht drüber reden…. Der Hund könnte sonst nicht mit wegen zu kurzer Beine. Und in der W 30 muss man nicht zwangsläufig schon Kinder haben. Es gibt ja noch die W 35. Die ist dafür auch noch gut. Zurück zum Fahrrad.

Fünf Kilometer raus aus der Stadt mit dem Fahrad sind prakatisch, weil man dann schon warm ist und gleich ein bisschen dehen kann. Der Wald ist super. Kühl und menschenleer. Nicht so ein hergerichteter Stadtwald wie ihn die fremde Stadt der Arbeitswoche hat. Ein Wald mit Rückefahrzeugen und Matsch und Holzstapeln am Rand und viel viel Platz. Ich bin kein Mensch für Ballungsgebiete, merke ich immer wieder. Da nehme ich gerne eine schwächelde Infrastruktur und ein mikriges Kulturangebot in kauf. Wenn ich aber nie die Spuren der Zivilisation aus dem Blickfeld bekomme, dann werde ich unruhig. Wir laufen zusammen durch den schattigen Wald und – ich bin fitter. Ja. Das muss hier mal gesagt werden! Vor 2 Monaten hat mir mein Mann auf 10 Km noch 5 Minuten abgenommen. Und das, ohne zu trainieren. Abgesehen vom Fussballspielen. Heute musste ich ihn den Berg raufziehen. Und das, obwohl ich so lange Pause gemacht habe nach dem Halbmarathon. Ach, ist das schön. Habe ich schon gesagt, das er noch in der M 20 startet? Vor lauter Übermut habe ich uns für den Stadtlauf nächsten Samstag angemeldet. Da kriege ich angeblich eine Packung, die sich gewaschen hat. Kann gut sein. Aber heute grinse ich.

Unterwegs waren wir zu Fuß ca. 7 Km und haben 45 Minuten gebraucht. Das kann aber auch etwas länger oder etwas kürzer gewesen sein. Wir waren ja schließlich im echten Wald, da kennt sich Google Earth nicht aus.

War das ein Rückfall oder ist das völlig normal? Ab Km 12 waren die Schmerzen zurück. Und das gleich volle Lotte. Ich bin trotzdem weitergelaufen. Weil es so schön war und so leicht ging und so viel Spaß gemacht hat. Im Gegensatz zu den 10 Km Rennen musste ich mich nie quälen. Weil ich schön langsam gelaufen bin, immer getrunken habe und den Lauf genossen habe. Und dann das. Das Stechen an der Außenseite des Knies war wieder da. Mir ist es aber gelungen dagegen zu halten. Mit meinem Jack Heggie Feldenkrais Übungen bin ich in Gedanken den ganzen Körper durchgegangen. Schultern bewegen, Wirbelsäule schwingen, Hüfte drehen, Füße aufsetzten und abrollen. Das hat den Schmerz gelindert. Mich hat es trotzdem aus der Bahn geworfen, weil das Schreckensgespenst auf einmal wieder da war. Habe ich mich nicht richtig vorbereitet? Zu wenig lange Läufe gemacht? Häte ich heute morgen um 6:00 Uhr doch noch Rückenübungen machen müssen? 

Wenn an der Strecke Musik und Stimung war, war alles weg. Bin ich ein Simulant? Alles nur Weicheibefindlichkeit? Dabei hat doch Konditionell alles so gut gepasst. Mein Ziel war ankommen, auf meinem Trainingsplan stand Hm unter 2.15h – das habe ich geschafft. Es war super Wetter, tolle Stimmung, eine großartige neue Erfahrung. Ist mein Körper also ein Schisser? Sobald Neuland betreten wird, erstmal den Not-Aus Schalter drücken. Schließlich war das beim ersten 10 Km Rennen ähnlich. Komischerweise habe ich nie gedacht aufhören zu müssen, weil es etwas Akutes ist. Ich war nur sehr sehr wütend und enttäuscht, dass dieses Scheiß ISG Gelenk immer noch so labil (oder was auch immer) ist. Hinterher habe ich mir eine kostenlose Sportlermassage gegönnt. Aahhhh. Jetzt habe ich 2 Stunden in der Schonhaltung auf dem Teppich hinter mir und die Schmerzen sind immer noch sehr stark. Wärmegel, Heizkissen und Geduld. Meine neue Superunterbuchse war unauffällig, ich habe sie vergessen zu beachten. Auf der Packung steht aber auch, dass der Hersteller glücklich sei, wenn man sie nicht bemerke… Dran gerochen habe ich nicht, und das mit den Bakterien kann ich nicht überprüfen. Und ich glaube, ich will es auch nicht überprüfen.

Mein Highlight: Für den Bruchteil einer Sekunde neben dem Gewinner des Marathons zu laufen, während ich überrundet werde. So schnell, so mühelos und leicht und elegant kann man laufen! Meine letzten 300 Meter waren dann nur noch ein großes Glück.

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