Zweifel


Die letzten 5 Tage habe ich auf einer Baustelle verbracht. Wand rausreissen, Fliessen legen, streichen und Möbel aufbauen haben mich fertig gemacht. An Laufen war nicht zu denken. Um 9 Uhr lag ich im Bett und habe geschlafen. Das kann doch nicht sein! Wie machen das all die Leute, die täglich körperlich arbeiten? Ich komme mir total verweichlicht vor. Die Lauferrei hat mit vorgegaukelt fit zu sein. Hahahah.  An Stellen wo vor 10 Jahren mal Kraft war, ist jetzt nur noch Füllmasse. Ich bin ein Schreibtischtäter geworden. Ein Stubenhocker. Da täuschen auch 2 Stunden Laufen an der frischen Luft mit Schlamm an den Schuhen nicht drüber weg. 

Der Rücken mochte die letzten Tagen noch weniger als das bisschen Laufen. Heute ruhe ich mich aus um morgen ein kleines Auflockerungsründchen drehen zu können. Ist das mühsam. Man man man.

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Als ich die Schuhe das letzte Mal anhatte, schmerzte das Knie, was ja der Nerv am Rücken ist. (Ich kann mir einen irgendwo hinwandernden Scherz nicht vorstellen) Es war der Tag ersten  Halbmarathons. Und heute,  9 Tage danach, möchte ich wieder laufen. Langsam, vorsichtig und ohne Erwartungen. Eine Runde um den See ist zu lang, also nehme ich mir das Gelübde ab, sofort aufzuhören, wenn die Schmerzen wiederkommen. Unterwegs mache ich noch ein paar Mal halt am Ufer, damit der Hund schwimmen kann. Nach ungefähr 36 Minuten gemächlichem Trabens war es soweit. Der dumpfe Druckschmerz war wieder da. Also habe ich etwas gedehnt und bin gegangen. Der Körper hat gesprochen und ich habe gehorcht. 

Sauer bin ich auf den Hund. Der musst sich unbedingt mit einem anderen kleinem Wichtigtuer um eine zickige Hündin kloppen. Viel Lärm und aufgewirbelter Staub, sonst nichts. Die andere Hundehalterin und ich seufzen entnervt, leinen unsere kleinen Fußhupen wieder an und schenken uns ein wissendes Lächeln. Macht Spaß, die neue Gelassenheit.

Eine innere Unruhe treibt mich ins Netzt. Was tun? Was kommt jetzt? Wie erholen? Womit? Wie lange? Ich suche und suche, ich lese und lese . Zwölf Tage nach dem Halbmarathon sollten Sie kein Tempotraining durchführen, keine neue Wettkampfbelastung auf sich nehmen und eher locker trainieren. Formuliert hat diese Regel Jack Foster, der von 1974 bis 1990 die weltbeste Marathonzeit (2:11:18) im Masters-Bereich (40 Jahre und älter) zu Buche stehen hatte. So steht es auf Runner’s World, an anderer Stelle heißt es für jeden Kilometer einen halben Tag Regeneration. Ich werde unruhig. So lange? Die Aussicht macht mich unglücklich. Warum nur? Ich habe es doch gemerkt. Mein Körper braucht Pause. Da kommt sie langsam – die Erkenntnis. Ich kann nicht Maß halten. Ich will nicht ein Bonbon, ich will die ganze Tüte. Das ist schon immer mein Problem gewesen. 0 oder 100. An oder Aus. Kein Bier oder 6 Bier. Nicht ausgehen oder bis 6.00h. 

Mein Verstand hat durchaus sämtliche Informationen parat. Ich weiß, dass ich mindestens eine Woche nicht laufen sollte. Ich weiß, dass ich nicht innerhalb von 3 Monaten ausreichend Ausdauer und Kraft aufbauen kann. Ich weiß es alles. Aber die Unruhe ist stärker als der Verstand. So schaue ich mir dabei zu, wie alles kaputt zu gehen droht. Immer mal wieder. 

Die nächsten 12 Tage nutze ich jetzt für lange Hundespaziergänge, zum Schwimmen, zum Übungen machen und irgendwann,  in einer Woche, auch mal für einen gemütlichen Lauf. Den Anstoß habe ich in meinem Blog bekommen. Vielen Dank an Euch, die ihr mir den Kopf gerade gerückt habt.

War das ein Rückfall oder ist das völlig normal? Ab Km 12 waren die Schmerzen zurück. Und das gleich volle Lotte. Ich bin trotzdem weitergelaufen. Weil es so schön war und so leicht ging und so viel Spaß gemacht hat. Im Gegensatz zu den 10 Km Rennen musste ich mich nie quälen. Weil ich schön langsam gelaufen bin, immer getrunken habe und den Lauf genossen habe. Und dann das. Das Stechen an der Außenseite des Knies war wieder da. Mir ist es aber gelungen dagegen zu halten. Mit meinem Jack Heggie Feldenkrais Übungen bin ich in Gedanken den ganzen Körper durchgegangen. Schultern bewegen, Wirbelsäule schwingen, Hüfte drehen, Füße aufsetzten und abrollen. Das hat den Schmerz gelindert. Mich hat es trotzdem aus der Bahn geworfen, weil das Schreckensgespenst auf einmal wieder da war. Habe ich mich nicht richtig vorbereitet? Zu wenig lange Läufe gemacht? Häte ich heute morgen um 6:00 Uhr doch noch Rückenübungen machen müssen? 

Wenn an der Strecke Musik und Stimung war, war alles weg. Bin ich ein Simulant? Alles nur Weicheibefindlichkeit? Dabei hat doch Konditionell alles so gut gepasst. Mein Ziel war ankommen, auf meinem Trainingsplan stand Hm unter 2.15h – das habe ich geschafft. Es war super Wetter, tolle Stimmung, eine großartige neue Erfahrung. Ist mein Körper also ein Schisser? Sobald Neuland betreten wird, erstmal den Not-Aus Schalter drücken. Schließlich war das beim ersten 10 Km Rennen ähnlich. Komischerweise habe ich nie gedacht aufhören zu müssen, weil es etwas Akutes ist. Ich war nur sehr sehr wütend und enttäuscht, dass dieses Scheiß ISG Gelenk immer noch so labil (oder was auch immer) ist. Hinterher habe ich mir eine kostenlose Sportlermassage gegönnt. Aahhhh. Jetzt habe ich 2 Stunden in der Schonhaltung auf dem Teppich hinter mir und die Schmerzen sind immer noch sehr stark. Wärmegel, Heizkissen und Geduld. Meine neue Superunterbuchse war unauffällig, ich habe sie vergessen zu beachten. Auf der Packung steht aber auch, dass der Hersteller glücklich sei, wenn man sie nicht bemerke… Dran gerochen habe ich nicht, und das mit den Bakterien kann ich nicht überprüfen. Und ich glaube, ich will es auch nicht überprüfen.

Mein Highlight: Für den Bruchteil einer Sekunde neben dem Gewinner des Marathons zu laufen, während ich überrundet werde. So schnell, so mühelos und leicht und elegant kann man laufen! Meine letzten 300 Meter waren dann nur noch ein großes Glück.

Ich bin ein Labelfucker. Leider. Ich stehe auf PUMA und finde Hosen schöner, wenn drei Streifen drauf sind. Mein Hirn ist verseucht. Ich erliege – trotz besseren Wissens – dem suggerierten Sexapeal von Klamotten. In mir nagt seit langer Zeit der Vorwurf, dass ich damit eine ausbeuterische Praxis unterstütze. Multimilliarden Dollar Unternehmen produzieren für wenige Cents Sportbuchsen in Sweatshops zu unmenschlichen Bedingungen und verkaufen sie mir für 70,- Euro. Die Teuerung wird einzig und allein mit einem diffusem Gefühl gerechtfertigt. Was tun? Ich habe mir das Gelübde auferlegt, für jeden unvernünftigen Kauf einmal vernünftig einkaufen zu müssen. Meine drei Streifen Hose wird z.B.ethisch reingewaschen mit einem Funktionshirt von amnesty international. Das kostet logischerweise mehr. Deshalb kann ich auch nicht komplett auf vernünftigen Konsum umstellen. Aber viele Leute, die davon mehr Ahnung haben als ich (zB Klaus Werner-Lobo) schreiben in ihren Büchern und Websites, dass ein Boykott keine Lösung sei. Die Tageszeitung meiner Wahl schriebt heute von dem ersten Laufschuh Made in Germany. Hergestellt von zwei erfahrenen Marathonläufern. Leider kostet auch dieser Schuh 50 Euro mehr als ein Modell der üblichen Verdächtigen. Ich würde dem Schuh gerne den Vorzug geben, kann es aber zur Zeit nicht finanzieren, das gute Gewissen. Was mir bleibt ist weiter Informieren und nerven: die Verkäufer, die Leute für Öffentlichkeitsarbeit in den Unternehmen und Euch. Ich habe an die Markenhersteller in meinem Schrank Mails geschickt (Vordrucke gibt’s es zB hier und hier). Ob das was ändert? keine Ahnung. Ich habe aber über Konsum nachgedacht und ein bisschen Souveränität wiedererlangt.

Habe heute keine Übungen gemacht weil ich keine Lust hatte. Weil ich schlapp bin. Weil ich den Arsch nicht hochkriege. Natürlich weiß ich, dass das fatal ist. Kaum sind die Beschwerden weg, fehlt die Motivation. Ich kann es nicht fassen. Es war so schwierig aus diesem Loch herauszukommen und jetzt verschwendet  (ja wer eigentlich?) mein Gedächtnis keine Energie darauf diese Erinnerung wachzuhalten. Kein Mahner weit und breit. Muss ich wohl selber machen. Morgen möchte ich gerne mit den netten Läuferinnen 2 Stunden laufen, da schien mit ein zusätzliches Krafttraining etwas überambitioniert. Und am Samstag ist ja schon wieder ein Wettrennen. Also Freitag. Dann mache ich nur einmal Krafttraining diese Woche. Ich gucke mir beim Alles verbocken über die Schulter und greife nicht ein. Was ist denn hier los?

Ein Wochenende in der großen Stadt. Viel sitzen, viele Biere und kein Lauf. Jetzt fühle ich mich ekelig und kaputt. Werde erst heute Abend raus gehen können. Das ist nicht schön. Und der Trainingsplan ist auch Kaputt. Eine Einheit auslassen, um am Montag das Montagspensum zu laufen, oder lieber die Sonntagsaufgabe nachholen? Bin völlig verstört ohne den Tunnelblick. Wie konnte den das passieren? Jetzt habe ich mich verrannt.

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