Nur weil hier nichts stand, heisst das nicht, ich habe mich nicht gerührt. Für den Kopf und gegen den Druck habe ich ein halbes Jahr nicht protokoliert. Keinen Trainingsplan befolgt, keine Km aufgeschrieben, keine Zeiten gestoppt und keine Tage gezählt. Ich bin aufs Rad gestiegen, wenn ich Bewegung brauchte, bin in den Wald gegangen, wenn meine Füsse was tun wollten. Habe mich weiter mit Nadeln stechen lassen und ab und zu Übungen gemacht.

Natürlich gibt es einen Unterschied: ich fühle mich nicht mehr als Sportler im engeren Sinne. Ich kann mich nicht beteiligen an Gesprächen über Volksläufe, Marathonreisen oder Ausrüstungsneuheiten. Werde ich gefragt, was ich mache, muss ich sagen, dass ich etwas Rad fahre. Werde ich gefragt, ob ich noch laufe, muss ich verneinen.

Mein Rad macht mir große Freuede. Meine Kondition ist noch nicht ganz weg. Ich kann also durchaus noch fordernd Rad fahren. Kann mich austoben. Wenn ich ein bisschen Grundausdauer dadurch halten kann, bin ich froh. Die zweite Akkupunkturrunde ist abgeschlossen, in zwei Monaten geht es zur Kontrolle. Die Chancen stehen gut, dass dann die als chronische Schmerzen diagnostizierten Stiche fast weg sind.
Bis dahin muss ich eine Balance finden zwischen laufen lassen und trotzdem noch in der Lage sein Kuriositäten zu sammeln und ein bisschen Tagebuch zu führen. Denn irgendwann werde ich mich dann mal wieder irgendwo für irgendwas anmelden.

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Hab ich schon erzählt? Gestern  bin ich 52 Minuten am Stück gelaufen. Im Modus so langsam, dass der kleine Hund mit geschlossener Schnauze im versamelten Galopp mitlaufen konnte. Aber durchgelaufen. Auch ich mit geschlossener Schnauze, immer schön durch die Nase atmend. Ohne Probleme. War schön gewesen.

Heute morgen – immer noch ohne Probleme – kam die letzte Fuhre Nadeln in Rücken, Bein und Fuß. Das war’s. Und weil ich so beschwingt war, habe ich einen letzten Anlauf gewagt und die Frage gestellt.

Und jetzt? Was machen wir jetzt?

Das muss jetzt so zwei bis drei Monate wirken, bevor wir wissen ob es geholfen hat.

Ach, drei Monate? (meine Stimme wird brüchig)

Wir wissen ja nicht ob die Regenerationszeit ausgereicht hat.

Wissen wir nicht? Und laufen…?

Das sollte gehen. Immer schön bewusst und vorsichtig.

Hmm. Eigentlich wollte ich ja…  ich weiß natürlich, das das nicht mehr geht… Aber wenn jetzt alles langsam… (ich muß es fragen, ich weiß die Antwort, ich muss sie aber hören). Könnte ich so in einem Monat einen Halbmarathon laufen? So ganz ohne Ambitionen? (Oh Gott ist das peinlich! Das habe ich doch gerade nicht laut gesagt?)

Joooaaa, mein Gott. Müssen sie halt ausprobieren. In zwei Monaten kommen sie dann wieder und dann können sie ja mal erzählen.

Hm. (Eine neue Dimension von Scham durchspült mich.)

Da habe ich jetzt nicht mit gerechnet kurz – ganz kurz hat mein Hirn nach dem Stöckchen geschnappt. Nix da. Jetzt muß auch mal ein Lerneffekt einsetzten. Beim Verlassen der Praxis wird mir noch die Rechnung für die Magnetfeldtherapie in die Hand gedrückt. Schmerzen bei Lumbalgie. Hört sich süß an. Lumbalgie.

Die Anmeldung zum Marathon war das Geburtstagsgeschenk von meiner Mutter. Die Aufforderung zum gemeinsamen Trainieren hat mich gerührt. Es war ein Ansporn. Leider werde ich nicht mir ihr laufen können. Naja, eigentlich wäre ich das sowieso nicht –  an Ihre 4:18 h wäre ich ja niemals rangekommen.

Die nächste Ameldung werde ich selber in die Hand nehmen. Dann ist sie auch nicht so bedeutend.

Nach der vorvorletzten Akupunktur steige ich heute völlig verstrahlt in die falsche Bahn, merke es nach drei Haltestellen und will mit einem Wechsel auf den Bus die Route korrigieren. Kann ja mal passieren. Ich steige aus und laufe zur Bushaltestelle in ca 200 Meter Entfernung. Bereits nach zwei Schritten sehe ich meinen Bus im Augenwinkel und renne. Renne wie eine Bekloppte. Der Rucksack scheppert auf dem Rücken, die iPod Stöpsel fliegen aus den Ohren, die Ballerinas platschen auf den Teer.

Dieser Bus überholt mich nicht! Nicht heute! Ohne Mühe fliege ich über den Bürgersteig, das Motorengeräusch im Nacken. Noch 10 Meter, der Bus zieht langsam an mir vorbei. Endspurt! Der Fahrer macht nur vorne auf. Schneller! Mit Siegermiene springe ich in die Tür und funkel den Busfahrer aus kämperischen Augen an. Nicht schlecht brummelt der nicht schlecht. Drinnen werde ich von drei klatschenden Damen begrüßt.

Besser als jeder Volkslauf.

Mein derzeitiges Lieblingslied ist „Heavy cross“ von The Gossip.

Die ersten 13 Sekunden treffen exakt meinen Zustand. Gespannt bis in die letzte Faser, fertig zum loslaufen. Aber es geht noch nicht los. Ich bin in einer Endlosschleife ohne die Erlösung bei 1:04. Da geht es endlich los. Da renn ich in Gedanken los. Aber auch nur da. Nach wie vor. Heute habe ich es nicht mehr ausgehalten und was sehr dämliches gemacht: Ich habe eine Schmerztablette vor dem Laufen genommen. Ich wollte endlich laufen! Verdammt noch mal. Heute morgen hätte ich meine gesamte Familie dafür verkauft. Heute Morgen war die Moral gaaaaanz unten.

Weil in dieser Welt aber nichts unentdeckt bleibt, habe ich gleich die Quittung bekommen. So klein und nichtig, das es richtig weh tut. Es hat nämlich überhaupt nichts gebracht außer eine Paracetamol mehr auf der Leber (oder wo auch immer). Ha ha. Ein kosmischer Witz. Super. Ich habe es nicht besser verdient. Nach 32 Minuten bergigem Waldlauf in extrem langsamen Tempo, ging’s wieder los. Wie immer. Mitten im Wald, allein mit Hund habe ich kurz überlegt ob es jetzt mal an der Zeit ist, sich hinzusetzten und zu heulen. War mir dann aber zu doof. Also bin ich zurück gegangen. walking / wandern / spazieren gehen – what ever. Scheiß ‚drauf.

Das kann es doch nicht sein! Ich platze! Kein scheiß. Ich platze, wenn das so bleibt. Für immer im Intro steckengeblieben und dann, nach einer Ewigkeit, implodiert. Tolle Aussichten. Der verdammte Arzt soll jetzt aus dem Urlaub zurückkommen und wieder seine Nadeln in Rücken und Bein reinstechen. Ich will nicht noch eine Woche warten. Ich will, will, will endlich bei 1:04 losrennen. Große Schritte, ruhiger Atem.

Was machen, mit dem angeschwitzten Morgen? Ich habe noch eine Stunde Übungen gemacht, mit extra Liegestütze. Danach war es immer noch nicht besser. Meine Ausstrahlung war so negativ, dass sich der Hund im Bad versteckt hat, ohne, das ich irgendetwas zu ihm gesagt hätte. Vielen Dank für den Spiegel.

Vor zwei Jahren habe ich meinem Mann einen Boxsack geschenkt. Das Monstrum hängt jetzt im Schlafzimmer und ist groß und schwer. Damals gab es dieses Boxset etwas günstiger, weil es einen Rocky Balboa Schriftzug trägt und Metro-Goldwyn-Mayer damit den letzten Rockyfilm promoted hat. Da steht also auch „It’s not over till it’s over“ drauf. Das hat mich nur noch wütender gemacht.

Deshalb habe ich mir erstmals die Hände bandagiert, die Boxhandschuhe angezogen und habe auf den bekloppten, besserwisserischen Sack eingedroschen. Sehr lange. Laut keuchend habe ich erst aufgehört, als der Hund mit fragendem Blick ins Zimmer gelunst hat. Offensichtlich war aus in Deckung gehen jetzt Mitleid geworden.

Auch gut. Wollte sowieso gerade duschen.
Hat aber Spaß gemacht. War nötig. Jetzt geht’s schon wieder ein bisschen besser.

Diese Prozedur habe ich acht Mal hinter mich gebracht. In zwei Wochen geht es weiter. Insgesamt sollen 15 Abwendungen gemacht werden. Fahrradfahren macht keine Probleme, auch nicht nach extremer Belastung. Morgen versuche ich mich an einer kleinen Laufrunde. Das Problem ist die Erschütterung beim Laufen. Mal sehen, ob der Nerv die jetzt schon erträgt.