Das neue Fahrrad und ich haben bereits Einiges erlebt. Es verleiht mir Flügel. Letzte Woche erst habe ich mich unsterblich gefühlt und grössenwahnsinnig einen Ritt geplant, den ich nur mit Glück ohne Schaden überstanden habe. Meine Freundin hat mich eingeladen. Zum Grillen. Aufs Land.

Ich: „Mit dem Auto dauert es eine gute halbe Stunde – da nehm‘ ich doch das neue Fahrrad!
Stille am anderen Ende der Leitung
Sie: Ja, gut. Ich kann sich ja sonst mit dem Auto abholen, wenn es nicht mehr geht.
Ich: Das geht schon.

Sie handelt mich noch herunter und besteht darauf, das ihr Freund mir entgegen fährt. Nagut. Soll er. Ich kenn‘ mich ja schliesslich nicht aus. Frechheit. Bin doch schon oft aufs Land gefahren. Wenn es mit dem Auto eine halbe Stunde dauert, brauche ich 1 1/2. Selbst zwei oder drei sind noch in Ordnung. Also, bitte. Was haben die denn.

Voller Vorfreude habe ich also letzten Sonntag zum Frühstück brav allerlei Zeug in mich hineingestopft, viel getrunken und einen Müsli-Riegel und ein altes Power-Gel aus meinem Halbmarathon Beutel eingesteckt. Wasserflasche, neue Klickschuhe, Helm auf und los. Herrliches Wetter. Der Fahrradweg war überfüllt. Ich habe mich in einem sehr gemässigten Tempo den Fluss hinaufgerollt. Die ersten 30 Km waren mir noch aus den Touren im Herbst bekannt. Danach geht‘s rechts ab, noch kurz den Wald rauf und fertig.

Nach 35 Km treffe ich meinen Boten, in der Kreisstadt. Wie nett. Neues Wasser hat er auch dabei. Und noch einen Power-Riegel, sagt er. Was soll das denn. Ich habe selber mein Gel, denke ich. Los geht‘s! Es ist 15.00 Uhr. In einer guten halben Stunde will ich mit einem Bier am Grill sitzen. Er grinst. Wir haben noch 30 Km vor uns? Wie bitte???? Aber mit dem Auto….. Normalerweise brauche ich doch….  Wie geht das denn….? Du fährst zu uns doch Autobahn…..

Schreck lass nach. Ich sauge panisch an meinem Gel-Tütchen. Kann man so blöd sein? Bin ich wirklich losgefahren, ohne auf die Karte zu gucken? Ohne Worte. Ich fahre brav hinterher und schäme mich. Trete, trampel und schnaufe. Auf einer kleinen Landstrasse ohne Mittelstreifen, entlang eines Baches durch verwunschene Buchenwälder. Rechts und links liegen einsame Fachwerk-Höfe. Sehr sehr schön. Normalerweise. Ich habe Hunger. Mein Magen knurrt. Ich habe Durst, mein Mund klebt. Meine Fusssohlen brennen, meine Beine sind taub.

Ich erbettel‘ mir den Himbeer-Power-Bar und merke, wie die Energie in meinem Magen einfach verpufft wie eine Tropfen auf der heissen Herdplatte. Nach weiteren 1 1/2 Stunden muss ich fast heulen, als ich den Rand des Dorfes durch die Bäume erspähe. In meinen Gedanken lasse ich mich bereits aufs Grass fallen und bleibe für immer im Garten liegen.

Zur Begrüssung ernte ich ein wissendes Grinsen.
Sie: Na, war weit.
Ich: Mhm.
Sie: Mein Handy lag die ganze Zeit neben mir. Ich wusste, du würdest nicht anrufen.
Ich: Naja……
Sie: Hunger?
Ich: Mhm

Nach 12 Kartoffeln. Vier Tellern Salat und einem Haloumi Käse waren die Sternchen vor den Augen wieder weg.  Zurück nach Hause ging es im Auto. Über die Autobahn. 35 Minuten Fahrt. Um 20.55 Uhr lag ich im Bett. Um 21.00 Uhr hatte ich die erste Tiefschlafphase erreicht.

Gott sei Dank ist nichts passiert! Keine bleibenden Schäden. Kein Schmerz im Bein.
Das hätte ich mir nicht verziehen. Ich mache gerade eine zweite Welle Akupunktur. Zweimal die Woche, morgens um acht. Das soll ja nicht kaputt gehen. Glück gehabt.

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