Normalerweise schaltet man einen Gang höher, wenn im Ersten die Leistungsgrenze erreicht ist. Wenn der erste Gang Gehen ist, würde dies bedeuten, dass man anfängt zu laufen. Das fällt immer noch aus. Also muss ich die Leistungsgrenze im ersten Gang ausbauen. Das ist mir heute gelungen. Tatsache. Ich habe  gehend ein Gefühl von Geschwindigkeit  bekommen. Ich war schnell. Schnell und glücklich. Plötzlich war es gar nicht mehr wichtig, nicht laufen zu können.

Die Geschwindigkeit war das was ich vermisst habe. Und fälschlicherweise habe ich gedacht sie nur Laufend erfahren zu können. Und weil das so ist, mit mir und der Geschwindigkeit werde ich mein Ziel umformulieren: Ich will 10 Km laufen. Schneller laufen als bisher. Schneller werden. Vielleicht im Herbst wieder einen Volkslauf schaffen. Vielleicht in einem Jahr unter die 1:50 kommen. Die alte Frage ob schneller oder weiter habe ich für mich erstmal beantwortet: schneller. Das würde mir Spass machen. Das möchte ich erreichen. Einen Marathon werde ich vielleicht auch mal laufen. Später. Irgend wann, wenn ich mich ausgetobt habe.

Morgen werde ich ein Fahrrad kaufen. Mein altes Mountenbike mit den noch 5 funktionierenden Gängen hat ausgesorgt. Der Frühling kann kommen. Und zwar zackig! Ich habe lange genug pausiert. Es muss auch mal wieder los gehen. Das allerdings langsam und bedächtig.

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Samstag nachmittag, 30 cm Schneematsch, nichts wie raus. Es wird Zeit zu gehen. Gehen ist erlaubt. Vom Rückenarzt persönlich abgenickt.

Am Dienstag war ich wieder bei ihm. Ausgerüstet mit einem Spickzettel voller Fragen, damit er in seiner rasanten Routine nicht schon wieder entschwindet bevor ich alles gefragt habe, was mir auf der Seele brennt. Stolz runterschlucken, Zettel auffalten und Punkt für Punkt vorlesen.

1. Ist es normal, dass das so lange dauert? > Ja. Bei Ihrer Nerv Schädigung ist ein Jahr Regeneration üblich. Sie waren kurz vor einem Bandscheibenvorfall.
2. Sollte ich mich generell vom Laufen verabschieden, ist das nichts für mich? > Ne, das können sie irgendwann schon wieder machen
3. Kann ich wieder anfangen? > Eher nicht. Machen Sie Aqua Sport, gehen sie. Ist doch zur Zeit sowieso sch*** Wetter.
4. Wann wieder? > Kommen Sie nach Ostern wieder, dann reden wir über das Laufen.  Dann aber erst mal nur Kurzstrecke.
5. Soll ich Physiotherapie machen? > Eher nicht. Sie sind gut und gleichmäßig bemuskelt. Langsam können sie Ihre Übungen wieder anfangen.
6. Kann ich noch was machen? > Wir können noch mal eine Serie Akkunpunktur machen, dann müssten Sie wieder zwei mal die Woche kommen. (Das ist schwierig, weil ich  2,5 Stunden Fahrtzeit zu meinem Arbeitsplatz habe. Mal fragen.)

Endlich mal Antworten, hätte ich früher machen sollen, das mit dem Zettel. Zur Belohnung gab es wieder drei Spritzchen in den unteren Rücken. Vorher wurden meine Arme und Beine noch geschüttelt, verknotet und dann langgezogen. Fertig. Das ist glaub ich manuelle Therapie.

Aber jetzt wird es Zeit zu gehen. Mit Wanderschuhen, Hund und einer Perspektive. Nach Ostern. Das sind 12 Wochen. Ein Klacks.

Tiefer kann man nicht sinken. Vor einem halben Jahr bin ich das letzte Mal 10 Km ohne Mühe gelaufen, hab mich fit und wohlig gefühlt und gedacht so geht das jetzt weiter. 3-4 mal die Woche. Mittlerweile habe ich losgelassen, habe aufgehört immer wieder alles auszureizen und bin dem Übel auf die Schliche gekommen. So oft wie in den letzten 5 Monaten war ich noch nie beim Arzt. Es wird. ja. Grundlegende Dinge verbessern sich. Mein Körper kommt wieder ins Lot – und wird mehr. Überall wird es mehr. Und das obwohl ich nicht mehr als 2 Kg zugenommen habe. Das schöne feste, straffe, energetische Gefühl ist weg. Stattdessen weite Pullis und Trägheit. In einer Woche geht es zur definitiv Finalen Sitzung der Handauflegerin. Ihre Geheiß, 2 Wochen komplett runterzufahren habe ich dann beherzigt. Dann hatten alle beteiligten genug Zeit: der Körper, der Kosmos, der Nerv.

So weit vom Laufen wollte ich mich nie entfernen. Das wird ein extrem langer Weg zurück. Von 0 auf x in x Monaten. Der dritte Neuanfang. Vor einem Jahr habe ich das letzte Mal gedacht, ich würde es schaffen. Vor einem Jahr habe langsam, ganz langsam angefangen wieder zu laufen. Auf ein Neues.

Am Montag war ich wieder beim Sportorthopäden meines Vertrauens. Es galt die Ergebnisse der Akupunktur zu besichtigen. Ein Abschlusstermin. Dachte ich jedenfalls. Dem ist aber nicht so.

> (während er meine Beine verknotet und auf dem Becken rumdrückt) Joooaaa das ist alles schon besser und beweglicher, aber noch nicht gut.
> Ja, das merke ich, aber laufen geht immer noch nicht. Auch nicht gaaanz langsam und vorsichtig.
> Tut es noch im Ruhezustand weh?
> Nein.
> Das ist doch schon mal was. Sie befinden  sich noch in der Einwirkphase. Ich setzte noch drei Spritzchen und dann  sehen uns Anfang des Jahres wieder.
> Und Sport?
> Ja, können sie ja immer mal wieder probieren. Aber vorsichtig.
> Mh Okay. Tschüss.

Von der Handauflegerin habe ich nichts erzählt. Das war mir irgendwie zu peinlich. Am Freitag gehe ich da wieder hin. Mal sehen was die Selbstheilung so macht. Ist das eigentlich Fremdbestimmung oder Tiefen-Selbstbestimmung? Das Fremde in mir drin, was sich jetzt mal in aller Ruhe neu sortiert und das ich ich gefälligst in Ruhe lassen soll? Werden mir jetzt alle Zugriffsrechte entzogen? Weil ich was kaputgemacht habe? Wird es irgendwann eine feierliche Rückübergabe geben? Am Ende der Probephase?

Heute Morgen war ich eine Stunde Gehen. Wegen der frischen Luft. Kaputtgemacht habe ich nichts. Glaube ich.

Ich war beim Handaufleger. Osteopathen. Schließlich will ich nichts unversucht lassen. Also gehe ich auch da hin. Mein bisheriger Kontakt mit diesem Berufsbild waren zwei, drei wunderliche Geschichten von Bekannten. Es handelte sich um obskure Genesungsgeschichten, die sich die Betroffenen nicht selbst erklären konnten. Sie nuschelten nur etwas von Wärmeströmen und seltsamen Reaktionen des Körpers. Ich – nach wie vor nicht laufend, nicht schmerzfrei und sehr sehr unausgeglichen – griff nach diesem Strohhalm. Nicht ohne Skepsis und nicht ohne ätzende Kommentare. Schließlich galt es diesen Schritt vor mir selbst zu rechtfertigen. Die Krankenkasse bezahlt das ja nicht.

Erst einmal wird eine Bestandsaufnahme gemacht. Wo tut es weh? Seit wann? Gab es mal  OPs? So weit – so bekannt. Dann kam der Teil mit dem Handauflegen. Im Stehen, im Sitzen, Im Liegen. Die Hände lagen einfach auf meinen Schultern, auf meinem Rücken, unter meinem Hintern. Lange. bewegungslos. An Entspannung war nicht zu denken. Statt dessen bohren sich Zweifel und Spott in mein Gehirn.

Guck dich an. Liegst hier in Unterwäsche und lässt die Frau deine Arschbacken anfassen und glaubst, das jetzt alles wieder gut wird. Kein Effekt, keine warme Strömung, kein Plopp – nichts erlöst mich aus dieser Lage. Ab und zu zucken meine Beine – das liegt sicher daran, dass ich sehr angespannt da liege, weil ich mich nicht mit meinem vollen Gewicht auf die Hände der Frau legen will. Als sie zum Kopf wechselt, ragt, sie was mit meiner Linken Schulter los sei. da säße die Ursache, da sei eine Blockade. Aha. Hatte ich nicht gesagt, ich habe Probleme im Lendenwirbel Bereich und Schmerzen an der Außenseite der Knie? Schulter. Schulter? Ja, mein Gott als Sechsjährige habe ich mich an dem Tag, an dem ich Fahrradfahren gelernt habe gewickelt.

Afni Katirci hat sich getraut einen Abhang runter zu fahren, und ich wollte ihn beeindrucken. Also bin ich auch runtergefahren und habe mich überschlagen. Meine Schulter hat mir danach weh getan, was aber wieder weggehen würde, sagten meine Eltern damals. Als es nach einer Woche nicht weg war, haben sie es mal einem Orthopäden gezeigt, der ein gebrochenes Schlüsselbein diagnostiziert hat. Aber mein Gott. Das war 1982!

Aha, sagt jetzt die Frau. Das könnte die Ursache sein. Na, klar denke ich. Und was wäre gewesen, wenn es die rechte Schulter war? So genau weiß ich das nämlich nicht mehr. Die Zweifel bleiben. Ich bin ein Effekt Mensch. Ich glaube an Medikamente und an Geräte. Vorher – Nachher. Krank – Gesund.

Nach einer Stunde, ziehe ich mich wieder an. Wundere mich über mich, und bedanke mich höflich. Am besten noch mal wieder kommen, sagt die Frau. Dann hilft es besser. Na, klar, sage ich und denke an die 80 Euro.

Das war vorgestern. Seit ich diese Praxis verlassen habe, tut meine Schulter weh! Ich komme mir vor, wie ein Eishockey Spieler nach einem Body Check. Ein Kosmischer Witz? Nein, sagen die Fans des Handauflegens, nein – da löst sich eine Blockade. Das ist gut. Die Ursache ist gefunden. Die Selbstheilung läuft.

Die Anmeldebestätigung des Köln Marathons liegt ausgedruckt neben mir. Auf der Rückseite habe ich handschriftlich eine Vollmacht für meine Mutter geschrieben. Sie holt mein Zeug ab, und bringt es mir mit. Als sie mir die Anmeldung geschenkt hat, hat sie in rührender Zuversicht keine Rücktrittsversicherung für mich abgeschlossen und gleich ein Finisher T-Shirt mit bestellt. Das kann Sie jetzt anziehen. Mitkommen soll ich lieber nicht, sagt sie, das tue zu sehr weh. Und vier Stunden noch was da sitzen und hätte, wäre, sollte, wenn Gedanken haben finde ich jetzt auch nicht erfrischend. Sie ist Routinier genug, das noch einmal alleine zu genießen.

Was lerne ich jetzt daraus? Das ich schon ewige Zeiten Rückenschmerzen habe. Rückenschmerzen waren nicht mehr der Rede wert. Teilweise konnte ich nicht vom Stuhl aufstehen, sondern musste erstmal im 90° Winkel loslaufen. Typische Schreibtischtäter Kauerhaltung. Erst das ambitionierte Laufen hat bei mir den Leidensdruck so erhöht, dass ich es endlich angegangen bin. Jetzt registriere ich eine Unruhe im Rücken, die von einer Neuordnung herzurühren scheint und ab und zu bereits einem lockeren Rücken. Ich vermeide, wenn möglich zu sitzen und habe ein klappriges, selbstgebasteltes Stehpult für meinen Rechner im Büro.

Mit diesem Wissen geht es jetzt weiter. Heute habe ich mich 16 Km vor der Stadt aussetzten lassen und bin mit dem Hund zurück ge…..walked. Muss man sagen. Es war Walken ohne Stöcke. Zwei Stunden war ich getarnt, mit großer Sonnenbrille unterwegs. Jeder Spaziergänger wird akzeptiert und jeder noch so langsame Läufer, aber wehe man geht schnell, mit angewinkelten Armen…. Satan weiche… So viele doofe Sprüche wie heute wurden mir noch nie an den Kopf geworfen. „Haben sie dir die Stöcke geklaut?“ Statt freundlichem Gruß nur Verachtung. Nach einer Stunde im Feld-Wald und Wiesen Speckgürtel war ich geheilt von jeder Scham.  „Ja, du Micky-Maus ich kann gerade nur schnell gehen. Sei froh, das ich das ohne Stöcke mache du Fair Play Antithese.“

Ich bin eine kühle Brise, wiederhole mein Mantra laß sie überholen, laß sie überholen und lächle. Irgendwann… Irgendwann, treffe ich euch wieder…

Hab ich schon erzählt? Gestern  bin ich 52 Minuten am Stück gelaufen. Im Modus so langsam, dass der kleine Hund mit geschlossener Schnauze im versamelten Galopp mitlaufen konnte. Aber durchgelaufen. Auch ich mit geschlossener Schnauze, immer schön durch die Nase atmend. Ohne Probleme. War schön gewesen.

Heute morgen – immer noch ohne Probleme – kam die letzte Fuhre Nadeln in Rücken, Bein und Fuß. Das war’s. Und weil ich so beschwingt war, habe ich einen letzten Anlauf gewagt und die Frage gestellt.

Und jetzt? Was machen wir jetzt?

Das muss jetzt so zwei bis drei Monate wirken, bevor wir wissen ob es geholfen hat.

Ach, drei Monate? (meine Stimme wird brüchig)

Wir wissen ja nicht ob die Regenerationszeit ausgereicht hat.

Wissen wir nicht? Und laufen…?

Das sollte gehen. Immer schön bewusst und vorsichtig.

Hmm. Eigentlich wollte ich ja…  ich weiß natürlich, das das nicht mehr geht… Aber wenn jetzt alles langsam… (ich muß es fragen, ich weiß die Antwort, ich muss sie aber hören). Könnte ich so in einem Monat einen Halbmarathon laufen? So ganz ohne Ambitionen? (Oh Gott ist das peinlich! Das habe ich doch gerade nicht laut gesagt?)

Joooaaa, mein Gott. Müssen sie halt ausprobieren. In zwei Monaten kommen sie dann wieder und dann können sie ja mal erzählen.

Hm. (Eine neue Dimension von Scham durchspült mich.)

Da habe ich jetzt nicht mit gerechnet kurz – ganz kurz hat mein Hirn nach dem Stöckchen geschnappt. Nix da. Jetzt muß auch mal ein Lerneffekt einsetzten. Beim Verlassen der Praxis wird mir noch die Rechnung für die Magnetfeldtherapie in die Hand gedrückt. Schmerzen bei Lumbalgie. Hört sich süß an. Lumbalgie.

Die Anmeldung zum Marathon war das Geburtstagsgeschenk von meiner Mutter. Die Aufforderung zum gemeinsamen Trainieren hat mich gerührt. Es war ein Ansporn. Leider werde ich nicht mir ihr laufen können. Naja, eigentlich wäre ich das sowieso nicht –  an Ihre 4:18 h wäre ich ja niemals rangekommen.

Die nächste Ameldung werde ich selber in die Hand nehmen. Dann ist sie auch nicht so bedeutend.