Gestern war wieder Tag der Wunder. Ein letztes Mal in hieß es in Unterwäsche auf fremden Händen liegen. Atmen und in sich reinhorchen was der Körper, das fremde Wesen, so macht. Mittlerweile bin ich Profi. Macht mir gar nichts mehr aus, das die Frau meinen Hintern in den Händen hält und mich verbal in drei bis vier Komponenten zerteilt. Es ist warm, das Leinentuch fühlt sich gut an, es riecht wie in der Sauna nach irgendeinem Duftöl und warme Hände liegen mal hier mal dort auf mir rum.

Diese Hände spüren eine deutliche Besserung. Dort wo vormals Chaos und Zerstörung diagnostiziert wurden, erkennt die Frau jetzt einen Verursacher: die Schulter. Und der Körper, der Blödi, hat all die Jahre falsche Schlüsse aus diesem ramponierten Einzelteil gezogen. Hat nicht damit gerechnet, das die Schulter sich irgendwann wieder an der Arbeit beteiligt und einen Notfallplan errichtet. Dieser hat an anderer Stelle zu Überlastung und fehlerhafter Arbeit geführt.

Folgende Reaktionskette zeichnet sie nach: Schulter ist steif und macht nicht richtig mit, deshalb muss ein Muskel unter dem Rippenbogen mehr machen, wird müde und Steif und kann irgendwann dieses Unleichgewicht nicht mehr von der Hüfte fernhalten. Diese, gleiches Spiel, wird deshalb irgendwann schief und deshalb bekommt Nerv XY was ab, was er nicht abbekommen sollte und sendet wirre Informationen die zufällig im Bein landen und einen Muskel unter dem Knie andauernd in Erregung versetzt. Der ist irgendwann fertig.  Das verstehe ich. Das glaube ich Ihr.Und denke: Gefahr erkannt – Gefahr gebannt. Atacke! Bitte wegstreicheln!

Aber ne, Zeit ist um. Der Körper (der schon wieder…) macht das jetzt. Vielleicht. Aber eigentlich kann man so eine schwerwiegende Unordnung, die über Jahre verfestigt wurde, nicht mir drei Behandlungen beseitigen. Bitte nochmal wieder kommen. Ach ja, und das Wichtigste: weiterhin keinen Sport machen. Mindestens zwei Wochen.

Ach Leute, jetzt reicht es aber! Das weiß ich selber. Wenn ich nicht laufe, kann es beim Laufen auch nicht zu Problemen kommen. Das ist aber keine Lösung. Also, dafür komme ich nicht wieder. Jetzt bin ich aber mal richtig sauer. Duftöl hin, Duftöl her. Da gehe ich lieber zweimal in die schickste Sauna der Stadt. Das ist auch schön.

Schön verarscht. Selber Schuld. Inzwischen lacht sich der Körper ins Fäustchen und freut sich auf Weihnachten. Ich war Dienstag heimlich beim Aqua-Jogging. Hat die Frau aber nicht erspürt. Das wird jetzt wieder ausgebaut. Freundchen. Wie du mir, so ich dir. Ich weiß ganz genau was mein Körper gerade macht: Speck macht der. In großen Mengen. Der nutzt die Zeit mitnichten für Reparaturarbeiten. Das Luder!

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Tiefer kann man nicht sinken. Vor einem halben Jahr bin ich das letzte Mal 10 Km ohne Mühe gelaufen, hab mich fit und wohlig gefühlt und gedacht so geht das jetzt weiter. 3-4 mal die Woche. Mittlerweile habe ich losgelassen, habe aufgehört immer wieder alles auszureizen und bin dem Übel auf die Schliche gekommen. So oft wie in den letzten 5 Monaten war ich noch nie beim Arzt. Es wird. ja. Grundlegende Dinge verbessern sich. Mein Körper kommt wieder ins Lot – und wird mehr. Überall wird es mehr. Und das obwohl ich nicht mehr als 2 Kg zugenommen habe. Das schöne feste, straffe, energetische Gefühl ist weg. Stattdessen weite Pullis und Trägheit. In einer Woche geht es zur definitiv Finalen Sitzung der Handauflegerin. Ihre Geheiß, 2 Wochen komplett runterzufahren habe ich dann beherzigt. Dann hatten alle beteiligten genug Zeit: der Körper, der Kosmos, der Nerv.

So weit vom Laufen wollte ich mich nie entfernen. Das wird ein extrem langer Weg zurück. Von 0 auf x in x Monaten. Der dritte Neuanfang. Vor einem Jahr habe ich das letzte Mal gedacht, ich würde es schaffen. Vor einem Jahr habe langsam, ganz langsam angefangen wieder zu laufen. Auf ein Neues.

Am Montag war ich wieder beim Sportorthopäden meines Vertrauens. Es galt die Ergebnisse der Akupunktur zu besichtigen. Ein Abschlusstermin. Dachte ich jedenfalls. Dem ist aber nicht so.

> (während er meine Beine verknotet und auf dem Becken rumdrückt) Joooaaa das ist alles schon besser und beweglicher, aber noch nicht gut.
> Ja, das merke ich, aber laufen geht immer noch nicht. Auch nicht gaaanz langsam und vorsichtig.
> Tut es noch im Ruhezustand weh?
> Nein.
> Das ist doch schon mal was. Sie befinden  sich noch in der Einwirkphase. Ich setzte noch drei Spritzchen und dann  sehen uns Anfang des Jahres wieder.
> Und Sport?
> Ja, können sie ja immer mal wieder probieren. Aber vorsichtig.
> Mh Okay. Tschüss.

Von der Handauflegerin habe ich nichts erzählt. Das war mir irgendwie zu peinlich. Am Freitag gehe ich da wieder hin. Mal sehen was die Selbstheilung so macht. Ist das eigentlich Fremdbestimmung oder Tiefen-Selbstbestimmung? Das Fremde in mir drin, was sich jetzt mal in aller Ruhe neu sortiert und das ich ich gefälligst in Ruhe lassen soll? Werden mir jetzt alle Zugriffsrechte entzogen? Weil ich was kaputgemacht habe? Wird es irgendwann eine feierliche Rückübergabe geben? Am Ende der Probephase?

Heute Morgen war ich eine Stunde Gehen. Wegen der frischen Luft. Kaputtgemacht habe ich nichts. Glaube ich.

Ich war beim Handaufleger. Osteopathen. Schließlich will ich nichts unversucht lassen. Also gehe ich auch da hin. Mein bisheriger Kontakt mit diesem Berufsbild waren zwei, drei wunderliche Geschichten von Bekannten. Es handelte sich um obskure Genesungsgeschichten, die sich die Betroffenen nicht selbst erklären konnten. Sie nuschelten nur etwas von Wärmeströmen und seltsamen Reaktionen des Körpers. Ich – nach wie vor nicht laufend, nicht schmerzfrei und sehr sehr unausgeglichen – griff nach diesem Strohhalm. Nicht ohne Skepsis und nicht ohne ätzende Kommentare. Schließlich galt es diesen Schritt vor mir selbst zu rechtfertigen. Die Krankenkasse bezahlt das ja nicht.

Erst einmal wird eine Bestandsaufnahme gemacht. Wo tut es weh? Seit wann? Gab es mal  OPs? So weit – so bekannt. Dann kam der Teil mit dem Handauflegen. Im Stehen, im Sitzen, Im Liegen. Die Hände lagen einfach auf meinen Schultern, auf meinem Rücken, unter meinem Hintern. Lange. bewegungslos. An Entspannung war nicht zu denken. Statt dessen bohren sich Zweifel und Spott in mein Gehirn.

Guck dich an. Liegst hier in Unterwäsche und lässt die Frau deine Arschbacken anfassen und glaubst, das jetzt alles wieder gut wird. Kein Effekt, keine warme Strömung, kein Plopp – nichts erlöst mich aus dieser Lage. Ab und zu zucken meine Beine – das liegt sicher daran, dass ich sehr angespannt da liege, weil ich mich nicht mit meinem vollen Gewicht auf die Hände der Frau legen will. Als sie zum Kopf wechselt, ragt, sie was mit meiner Linken Schulter los sei. da säße die Ursache, da sei eine Blockade. Aha. Hatte ich nicht gesagt, ich habe Probleme im Lendenwirbel Bereich und Schmerzen an der Außenseite der Knie? Schulter. Schulter? Ja, mein Gott als Sechsjährige habe ich mich an dem Tag, an dem ich Fahrradfahren gelernt habe gewickelt.

Afni Katirci hat sich getraut einen Abhang runter zu fahren, und ich wollte ihn beeindrucken. Also bin ich auch runtergefahren und habe mich überschlagen. Meine Schulter hat mir danach weh getan, was aber wieder weggehen würde, sagten meine Eltern damals. Als es nach einer Woche nicht weg war, haben sie es mal einem Orthopäden gezeigt, der ein gebrochenes Schlüsselbein diagnostiziert hat. Aber mein Gott. Das war 1982!

Aha, sagt jetzt die Frau. Das könnte die Ursache sein. Na, klar denke ich. Und was wäre gewesen, wenn es die rechte Schulter war? So genau weiß ich das nämlich nicht mehr. Die Zweifel bleiben. Ich bin ein Effekt Mensch. Ich glaube an Medikamente und an Geräte. Vorher – Nachher. Krank – Gesund.

Nach einer Stunde, ziehe ich mich wieder an. Wundere mich über mich, und bedanke mich höflich. Am besten noch mal wieder kommen, sagt die Frau. Dann hilft es besser. Na, klar, sage ich und denke an die 80 Euro.

Das war vorgestern. Seit ich diese Praxis verlassen habe, tut meine Schulter weh! Ich komme mir vor, wie ein Eishockey Spieler nach einem Body Check. Ein Kosmischer Witz? Nein, sagen die Fans des Handauflegens, nein – da löst sich eine Blockade. Das ist gut. Die Ursache ist gefunden. Die Selbstheilung läuft.

Gestern ging wieder nicht. Nach 3 Km extrem langsamen Traben, war es wieder soweit. Wieder der Schmerz an der Außenseite des Knies. Wurde sofort stärker, zog in Bein, in den Rücken. Danke. Stopp. Ab jetzt wieder Gehen. Wollte ja nur mal probieren.

Es sind Herbstferien. Könnte mir eigentlich egal sein. Ich habe keine Schulkinder zu Hause sitzen und bin kein Lehrer oder Erzieher. Trotzdem kommt man nicht Drumherum. Nicht nur, das man weiß, andere Leute fliegen jetzt noch mal schnell nach Malle zum Aufzutanken. Nein man wird auch noch in seinem Standart- Jahresurlaub-Leben eingeschränkt: Kein Aqua Jogging wegen Herbstferien. Warum? Das verstehe ich nicht. Wir sind doch alle da. Wir haben doch keine Ferien. Das Hallenbad ist doch offen.

Im Briefkasten lag ein Gutschein. Ich soll noch mal 3 Tage das Fitness Studio ausprobieren und überlegen ob ich nicht doch noch mal ein Abo…? Ein Kleines…? Seid ich im Jahr 2003 aus der Hauptstadt weggezogen bin, habe ich kein Abo mehr. Weil es hier ja Landschaft gibt. Viel besser als Laufen vor der Glotze.  Trotzdem werde ich immer wieder angeschrieben. Ich gehe jetzt glaub ich mal wieder hin und nutze den probetag. In der Landschaft geht ja gerade nicht. Und ein Mal Geräte und Sauna schadet ja nicht. Oder was weiß ich. Hauptsache ich kriege diese Woche noch rum. Vielleicht sollte ich der Aqua Jogging Frau auch eine Postkarte mit „we want you back!“ schreiben. Vielleicht käme sie dann wieder.

Das ist doch alles kein Ersatz. Das ist wie Getreidekaffe.

Die Anmeldebestätigung des Köln Marathons liegt ausgedruckt neben mir. Auf der Rückseite habe ich handschriftlich eine Vollmacht für meine Mutter geschrieben. Sie holt mein Zeug ab, und bringt es mir mit. Als sie mir die Anmeldung geschenkt hat, hat sie in rührender Zuversicht keine Rücktrittsversicherung für mich abgeschlossen und gleich ein Finisher T-Shirt mit bestellt. Das kann Sie jetzt anziehen. Mitkommen soll ich lieber nicht, sagt sie, das tue zu sehr weh. Und vier Stunden noch was da sitzen und hätte, wäre, sollte, wenn Gedanken haben finde ich jetzt auch nicht erfrischend. Sie ist Routinier genug, das noch einmal alleine zu genießen.

Was lerne ich jetzt daraus? Das ich schon ewige Zeiten Rückenschmerzen habe. Rückenschmerzen waren nicht mehr der Rede wert. Teilweise konnte ich nicht vom Stuhl aufstehen, sondern musste erstmal im 90° Winkel loslaufen. Typische Schreibtischtäter Kauerhaltung. Erst das ambitionierte Laufen hat bei mir den Leidensdruck so erhöht, dass ich es endlich angegangen bin. Jetzt registriere ich eine Unruhe im Rücken, die von einer Neuordnung herzurühren scheint und ab und zu bereits einem lockeren Rücken. Ich vermeide, wenn möglich zu sitzen und habe ein klappriges, selbstgebasteltes Stehpult für meinen Rechner im Büro.

Mit diesem Wissen geht es jetzt weiter. Heute habe ich mich 16 Km vor der Stadt aussetzten lassen und bin mit dem Hund zurück ge…..walked. Muss man sagen. Es war Walken ohne Stöcke. Zwei Stunden war ich getarnt, mit großer Sonnenbrille unterwegs. Jeder Spaziergänger wird akzeptiert und jeder noch so langsame Läufer, aber wehe man geht schnell, mit angewinkelten Armen…. Satan weiche… So viele doofe Sprüche wie heute wurden mir noch nie an den Kopf geworfen. „Haben sie dir die Stöcke geklaut?“ Statt freundlichem Gruß nur Verachtung. Nach einer Stunde im Feld-Wald und Wiesen Speckgürtel war ich geheilt von jeder Scham.  „Ja, du Micky-Maus ich kann gerade nur schnell gehen. Sei froh, das ich das ohne Stöcke mache du Fair Play Antithese.“

Ich bin eine kühle Brise, wiederhole mein Mantra laß sie überholen, laß sie überholen und lächle. Irgendwann… Irgendwann, treffe ich euch wieder…

Diese Prozedur habe ich acht Mal hinter mich gebracht. In zwei Wochen geht es weiter. Insgesamt sollen 15 Abwendungen gemacht werden. Fahrradfahren macht keine Probleme, auch nicht nach extremer Belastung. Morgen versuche ich mich an einer kleinen Laufrunde. Das Problem ist die Erschütterung beim Laufen. Mal sehen, ob der Nerv die jetzt schon erträgt.