Es steht hier neben mir, mein neues Fahrrad. Es ist toll. Es rollt von allein, schaltet wie Butter, bremst wie ein Porsche. Es ist nur für Frauen.

Ich habe ein Weiberfahrrad gekauft. Heute habe ich gelernt, das nicht nur Körpergröße und Körpergewicht entscheidend sind, sondern auch das Geschlecht. Wenn also der Verkäufer kleiner und leichter ist als ich, heisst das noch lange nicht, das ich auf sein Fahrrad passe! Ich benötige eines für die women’s geometry*. Für leichte Frauengewichte, sagt das 50-Kg-Männchen neben mir. Die Frauen Spezialisierung macht auch vor dem Bremshebel nicht halt: Der Tektro Auriga Comp, women’s specific lever shap sei speziell für kleine, schwache Frauenhände entwickelt.

Diese Fahrräder sehen alle kacke aus! Pinke Blümchen, Knicke im Rahmen, Weisse Felgen, pinkfarbene Sättel. Womans specific design. Das kaufe ich nicht. Kannst du vergessen. Ein guter Freund findet einen Kompromiss: Gutes Fahrad, kurzer Rahmen (damit ich meinen Rücken nicht überstrecke) aber ohne den albernen Knick und lediglich dezentes Womans specific design: dunkelgraue Arschgeweih-Gedächtnis-Tribels auf matt silbernem Rahmen. Da kommt Matsch drauf.

Vor dem Schuhregal fängt der Zirkus wieder an. Jeder Damenschuh hat eine pinkfarbene Applikation. Ich greife trotzig nach den Männerschuhen in 41 in grau – schwarz und nehme im Vorbeigehen noch Handschuhe mit. Natürlich Men Gr. M, schwarz. Passen wie angegossen.

Ich bin 1.76 groß, für Kinder kommt das alles nicht in Frage. Die meinem mich als Konsumentin. Aber welche Erwachsene Frau trägt pinkfarbene Ganzkörper-Lackierung? Ein Fahrradsattel für Frauen macht Sinn. Aber schon der verkürzte Rahmen könnte doch auch für einen Mann sinnvoll sein. Warum muss das alles so duzzie duzzie aussehen? Und warum Pink?

*women’s specific mountain bikes > The majority of women specific designs are designed around an average women’s body. This body standard is smaller, lighter weight, and has a shorter torso and arms than the body standard of the average male that most non-women specific bikes are designed around.

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So, dann wolln wir mal. Neues Jahr (fast) neues Glück. Hops in die Thermohose, Schuhe raus und ab die Post. In den Wald! In den Wald! Hund ist dabei. Mann ist dabei. Ich walke. Mann joggt. Hund stöbert und markiert. Und weil es nicht hilft, um den Brei herum zureden,  nenne ich das, was ich da mache jetzt beim Namen: Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken.Walken. Walken.Walken. Walken.Walken. Walken.Walken. Walken. Walken. Walken.Walken. Walken.Walken. Walken.Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken.Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken.Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken.

Was soll das? Ist jetzt so. Es ist kein Wandern, es ist kein Spazierengehen. Ich gehe schnell, die Arme machen das, was sie beim Laufen auch machen würden, ich schwitze ein bisschen und mein Mann kann in seinem langsamen Tempo neben mit her joggen. Ich walke ohne Stöcke und trage dabei meine Laufklamotten. Das scheint eine Frechheit zu sein. Die Reaktionen sind wie immer: ablehnend. Gegrüßt wird nur mein Mann. Mein Hallo verhallt immer einsam im Wald. Ich bin das dicke doofe Kind. Das auszuhalten fällt mir verdammt schwer. Aber irgendwas ist ja immer. Läufer können auch scheiße sein.

Mein Ziel: irgendwann wieder 3-4x die Woche eine Stunde laufen zu können um den Kopf frei zu pusten, um runter zukommen um zu entspannen. Keine Zeiten, keine Kilometer. Mein Ziel für 2009 ist wieder Läufer sein. Auch wenn die manchmal scheiß arrogante W****er sind.

Ich weiß nicht womit es angefangen hat. Vielleicht mit Jugend trainiert für Olympia im Geräteturnen in der Mittelstufe.  Wir habe da immer im unteren Drittel herumgelungert. Gewonnen haben die selbstbewussten Turnerinnen des altsprachlichen Traditionsgymnasiums. Die hatten alle einheitliche enge Turnanzüge (diese Badeanzüge mit langen Ärmeln) und ballonseidene Jacken mit Schulwappen. Wir Provinzgesamtschüler mussten unsere verfusselten schwarzen Turnhosen und ausgeleierte weiße T-Shirts tragen, auf denen das verblasste Schulwappen aufgebügelt war. Unsere schlechte Platzierung – das war uns sonnenklar – lag ausschließlich an der mangelhaften Kleidung. Seid diesen Tagen sind Gemeinschaft generierende Trainingsklamotten mein liebster Fetisch. Seid diesen Tagen warte ich darauf endlich einmal so etwas zu besitzen. Ich stelle mir das vor wie eine Rüstung, die einen beschützt vor allerlei Unbill. Denn ein Trainingsanzug mit Aufdruck steht immer für eine Gruppe, für viele Gleichgesinnte die an einem Strang ziehen. Lieber keinen Streit anfangen mit denen. 

Ich komme auf sieben Sportvereine in meiner Vergangenheit aber keine Mitgliedschaft hat mich bisher mit einer Vereinskleidung beglückt. Volleyball habe ich in einer Herrenmannschaft gespielt, besser nur trainiert, weil es ja eine Herrenmannschaft war. Die hatten Trikots aber nur fürs Spiel. Beim DLRG hatten wir noch nicht mal einheitliche Bademützen, das einjährige Gastspiel beim Jiu Jitsu zog zwar den obligatorischen weißen Anzug nach sich – war aber auch nicht das gelbe vom Ei. Der alternative Reitverein verweigerte sich jeglicher traditioneller Reitkleidung und verteufelte Konformismus. Eigentlich machte mir das die Mitgliedschaft leichter, denn Vollversammlungen, Spalier stehen, Nudelsalat mitbringen und Gruppendynamik sind nicht so meins. Das Vereinsleben abseits des wöchentlichen zusammen Sport machen ist ein rotes Tuch für mich. Aber der Trainingsanzug lockt nach wie vor.

Aus nostalgischen Gründen bin ich im Frühjahr in den Sportverein meines Heimatdorfes eingetreten. Aus Jux und Dollerrei, und weil ich es witzig fand, bei den Volksläufen den Namen des Dorfes hinter meinem Namen zu lesen. Es ist ein Turn-, Sport- und Gesangsverein mit gefühlten 50 aktiven Fußballern, 30 aktiven Bänkelsängern und 7 Läufern (mit mir). Eigentlich sind es nur drei Familien. Ich fand das witzig. Trainiert wird zusammen mit einem größeren Laufreff aus dem Nachbarort. Ohne mich, ich wohn da nicht. Wir fahren zusammen zum Volkslauf und ich bekomme Tips. Leider meistens Ansagen, die mich stressen. Die im krassen Gegensatz zu meinem Gefühl oder zu den Aussagen meine Arztes stehen. Meistens haben sie mir schneller, weiter und trotzdem zu tun.  Mein Trainingsplan ist aus dem www, ab und zu, wenn es passt, dann machen wir einen langen Lauf zusammen. Wenn ich laufen kann. Was nach deren Einschätzung eigentlich immer ist, weil das komische Zipperlein nicht gilt.

Sechs der Sieben Läufer haben viel Erfahrung, zahlreiche Marathons in den Knochen, unzählige Verletzungen überstanden und mindestens vier von Ihnen laufen mich in Grund und Boden. Wenn ich dann nicht mache, was sie mir raten, weht meistens ein eiskalter Wind durch meine Beitrittserklärung und alles ist auf einmal überhaupt nicht mehr Ironie tauglich. Dann wird mir wieder klar warum mir das dort mit 19 zu eng geworden ist und ich – nicht ohne Groll – ausgezogen bin. Dann sehe ich auf einmal nur noch Nudelsalat und Bericht des Kassenwarts und Hecke schneiden und Sippenhaft. 

Soweit so einfach zu lösen: einfach wieder austreten. Die Idee war gut, doch die Welt noch nicht bereit. ABER: Jetzt werden Trainingsanzüge bestellt. Subventioniert vom Verein. Weil die Fußballer ja auch welche haben. Nach jahrelangem Hick Hack kriegt die Läufersparte auch Anzüge. Und ich – durch puren Zufall – mittendrin. Ist schon bestellt. Sieht gar nicht mal schlecht aus im Katalog. Das ist doch ein Zeichen! Das kann ich doch nicht einfach ignorieren! Da muss ich doch jetzt tapfer sein und einfach dran bleiben und grinsen und danke für den Tip sagen und mein Ding machen. Geht das noch als Pragmatismus durch oder sitze ich da mitten drin im  Opportunismus? 

Heute bin ich übrigens gelaufen. Erst eine Stunde Übungen dann eine halbe Stunde laufen mit den neuen Schuhen. Tip Top. Keine Klagen. Kleine Runde, ohne Ehrgeiz. Am Freitag möchte ich gerne wieder meine normale Runde laufen. Eine Stunde langsam und gemütlich. Und wenn das nicht klappt, muss ich mich an den Gedanken gewöhnen mich umzumelden. Dann wird aus dem Marathon eben ein Halbmarathon. Aber gelaufen wird. Weil es nämlich sehr viel Spaß macht, wenn es klappt.

Ein Opportunist ist ein „Jenachdemer“.  (Wilhelm Busch)