Nur weil hier nichts stand, heisst das nicht, ich habe mich nicht gerührt. Für den Kopf und gegen den Druck habe ich ein halbes Jahr nicht protokoliert. Keinen Trainingsplan befolgt, keine Km aufgeschrieben, keine Zeiten gestoppt und keine Tage gezählt. Ich bin aufs Rad gestiegen, wenn ich Bewegung brauchte, bin in den Wald gegangen, wenn meine Füsse was tun wollten. Habe mich weiter mit Nadeln stechen lassen und ab und zu Übungen gemacht.

Natürlich gibt es einen Unterschied: ich fühle mich nicht mehr als Sportler im engeren Sinne. Ich kann mich nicht beteiligen an Gesprächen über Volksläufe, Marathonreisen oder Ausrüstungsneuheiten. Werde ich gefragt, was ich mache, muss ich sagen, dass ich etwas Rad fahre. Werde ich gefragt, ob ich noch laufe, muss ich verneinen.

Mein Rad macht mir große Freuede. Meine Kondition ist noch nicht ganz weg. Ich kann also durchaus noch fordernd Rad fahren. Kann mich austoben. Wenn ich ein bisschen Grundausdauer dadurch halten kann, bin ich froh. Die zweite Akkupunkturrunde ist abgeschlossen, in zwei Monaten geht es zur Kontrolle. Die Chancen stehen gut, dass dann die als chronische Schmerzen diagnostizierten Stiche fast weg sind.
Bis dahin muss ich eine Balance finden zwischen laufen lassen und trotzdem noch in der Lage sein Kuriositäten zu sammeln und ein bisschen Tagebuch zu führen. Denn irgendwann werde ich mich dann mal wieder irgendwo für irgendwas anmelden.

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Vor einer Woche habe ich hier mit Hilfe meines neuen Spielzeugs von unterwegs einen launigen Kalauer rund um ABC Pfaster mit Cayennepfeffer zum Besten gegeben. Der ist hier nie angekommen. So viel zu Wunder der Technik und Äpfeln und so. War auch etwas bemüht. Zugegeben. Ich habe Heizpflaster für mich entdeckt und kann dieses Uralt Hausmittel nur wärmstens empfehlen (geht doch…). Das war schon alles. Es brennt, wenn man ins Schwimmbad geht, nachdem man das Pflaster acht Stunden auf der Haut hatte. Naja. War so ein Erlebnis.

Heute möchte ich beichten: Ich war nämlich wieder bei der Frau. Und das obwohl ich dem Okultischen abgeschworen hatte. Ich habe 45 Minuten zitternd auf dem Tisch gelegen. Duftöl, Leinentuch – Alles wie immer. Aber meine Muskeln in den Beinen haben 45 Minuten kleine Zuckungen von sich gegeben. Gespenstisch. Als sie die Hände dann auf mein Knie und unter meinen Rücken gelegt hat, bin ich eingeschlafen. Zack. Licht aus! Einfach so. 5 Minuten weg. Als ich wieder aufgewacht bin, hat sie natürlich gesagt, das das der gewünschte Effekt gewesen sei. Das meine Abwehrhaltung endlich überwunden sei. Das ich immer bis an einen Endpunkt gehen müsste um runter zu kommen. Jaaaaaaa. Deshalb laufe ich doch! Also, deshalb fehlt es mir doch so!

Sie hat einiges gerichtet, während ich da zuckend lag, sagt sie mir dann später. Gut. Klasse. War schön. Ist es die Aufmerksamkeit, die man da ungefiltert eine Stunde bekommt? Egal was, es macht glücklich. Es wirkt. Danach ist mir immer schwindelig. Das reicht als Effekt.

Nächste Woche kaufe ich mir ein neues Fahrrad. Eines mit funktionierenden Gängen und mit guten Bremsen. Für die Zeit nach der Salzwüste.

(Und hier schlagen wir jetzt den Bogen -> Pfeffer – Salz. ……….Naja. ….War ja Karneval….)

Samstag nachmittag, 30 cm Schneematsch, nichts wie raus. Es wird Zeit zu gehen. Gehen ist erlaubt. Vom Rückenarzt persönlich abgenickt.

Am Dienstag war ich wieder bei ihm. Ausgerüstet mit einem Spickzettel voller Fragen, damit er in seiner rasanten Routine nicht schon wieder entschwindet bevor ich alles gefragt habe, was mir auf der Seele brennt. Stolz runterschlucken, Zettel auffalten und Punkt für Punkt vorlesen.

1. Ist es normal, dass das so lange dauert? > Ja. Bei Ihrer Nerv Schädigung ist ein Jahr Regeneration üblich. Sie waren kurz vor einem Bandscheibenvorfall.
2. Sollte ich mich generell vom Laufen verabschieden, ist das nichts für mich? > Ne, das können sie irgendwann schon wieder machen
3. Kann ich wieder anfangen? > Eher nicht. Machen Sie Aqua Sport, gehen sie. Ist doch zur Zeit sowieso sch*** Wetter.
4. Wann wieder? > Kommen Sie nach Ostern wieder, dann reden wir über das Laufen.  Dann aber erst mal nur Kurzstrecke.
5. Soll ich Physiotherapie machen? > Eher nicht. Sie sind gut und gleichmäßig bemuskelt. Langsam können sie Ihre Übungen wieder anfangen.
6. Kann ich noch was machen? > Wir können noch mal eine Serie Akkunpunktur machen, dann müssten Sie wieder zwei mal die Woche kommen. (Das ist schwierig, weil ich  2,5 Stunden Fahrtzeit zu meinem Arbeitsplatz habe. Mal fragen.)

Endlich mal Antworten, hätte ich früher machen sollen, das mit dem Zettel. Zur Belohnung gab es wieder drei Spritzchen in den unteren Rücken. Vorher wurden meine Arme und Beine noch geschüttelt, verknotet und dann langgezogen. Fertig. Das ist glaub ich manuelle Therapie.

Aber jetzt wird es Zeit zu gehen. Mit Wanderschuhen, Hund und einer Perspektive. Nach Ostern. Das sind 12 Wochen. Ein Klacks.

Gestern war wieder Tag der Wunder. Ein letztes Mal in hieß es in Unterwäsche auf fremden Händen liegen. Atmen und in sich reinhorchen was der Körper, das fremde Wesen, so macht. Mittlerweile bin ich Profi. Macht mir gar nichts mehr aus, das die Frau meinen Hintern in den Händen hält und mich verbal in drei bis vier Komponenten zerteilt. Es ist warm, das Leinentuch fühlt sich gut an, es riecht wie in der Sauna nach irgendeinem Duftöl und warme Hände liegen mal hier mal dort auf mir rum.

Diese Hände spüren eine deutliche Besserung. Dort wo vormals Chaos und Zerstörung diagnostiziert wurden, erkennt die Frau jetzt einen Verursacher: die Schulter. Und der Körper, der Blödi, hat all die Jahre falsche Schlüsse aus diesem ramponierten Einzelteil gezogen. Hat nicht damit gerechnet, das die Schulter sich irgendwann wieder an der Arbeit beteiligt und einen Notfallplan errichtet. Dieser hat an anderer Stelle zu Überlastung und fehlerhafter Arbeit geführt.

Folgende Reaktionskette zeichnet sie nach: Schulter ist steif und macht nicht richtig mit, deshalb muss ein Muskel unter dem Rippenbogen mehr machen, wird müde und Steif und kann irgendwann dieses Unleichgewicht nicht mehr von der Hüfte fernhalten. Diese, gleiches Spiel, wird deshalb irgendwann schief und deshalb bekommt Nerv XY was ab, was er nicht abbekommen sollte und sendet wirre Informationen die zufällig im Bein landen und einen Muskel unter dem Knie andauernd in Erregung versetzt. Der ist irgendwann fertig.  Das verstehe ich. Das glaube ich Ihr.Und denke: Gefahr erkannt – Gefahr gebannt. Atacke! Bitte wegstreicheln!

Aber ne, Zeit ist um. Der Körper (der schon wieder…) macht das jetzt. Vielleicht. Aber eigentlich kann man so eine schwerwiegende Unordnung, die über Jahre verfestigt wurde, nicht mir drei Behandlungen beseitigen. Bitte nochmal wieder kommen. Ach ja, und das Wichtigste: weiterhin keinen Sport machen. Mindestens zwei Wochen.

Ach Leute, jetzt reicht es aber! Das weiß ich selber. Wenn ich nicht laufe, kann es beim Laufen auch nicht zu Problemen kommen. Das ist aber keine Lösung. Also, dafür komme ich nicht wieder. Jetzt bin ich aber mal richtig sauer. Duftöl hin, Duftöl her. Da gehe ich lieber zweimal in die schickste Sauna der Stadt. Das ist auch schön.

Schön verarscht. Selber Schuld. Inzwischen lacht sich der Körper ins Fäustchen und freut sich auf Weihnachten. Ich war Dienstag heimlich beim Aqua-Jogging. Hat die Frau aber nicht erspürt. Das wird jetzt wieder ausgebaut. Freundchen. Wie du mir, so ich dir. Ich weiß ganz genau was mein Körper gerade macht: Speck macht der. In großen Mengen. Der nutzt die Zeit mitnichten für Reparaturarbeiten. Das Luder!

Tiefer kann man nicht sinken. Vor einem halben Jahr bin ich das letzte Mal 10 Km ohne Mühe gelaufen, hab mich fit und wohlig gefühlt und gedacht so geht das jetzt weiter. 3-4 mal die Woche. Mittlerweile habe ich losgelassen, habe aufgehört immer wieder alles auszureizen und bin dem Übel auf die Schliche gekommen. So oft wie in den letzten 5 Monaten war ich noch nie beim Arzt. Es wird. ja. Grundlegende Dinge verbessern sich. Mein Körper kommt wieder ins Lot – und wird mehr. Überall wird es mehr. Und das obwohl ich nicht mehr als 2 Kg zugenommen habe. Das schöne feste, straffe, energetische Gefühl ist weg. Stattdessen weite Pullis und Trägheit. In einer Woche geht es zur definitiv Finalen Sitzung der Handauflegerin. Ihre Geheiß, 2 Wochen komplett runterzufahren habe ich dann beherzigt. Dann hatten alle beteiligten genug Zeit: der Körper, der Kosmos, der Nerv.

So weit vom Laufen wollte ich mich nie entfernen. Das wird ein extrem langer Weg zurück. Von 0 auf x in x Monaten. Der dritte Neuanfang. Vor einem Jahr habe ich das letzte Mal gedacht, ich würde es schaffen. Vor einem Jahr habe langsam, ganz langsam angefangen wieder zu laufen. Auf ein Neues.

Nach dem ich gestern Abend wieder mit Schaumstoff-Ummantelung im Wasser gelaufen bin, konnte ich mal wieder herrlich erschöpft einschlafen. Verausgabt und glücklich. Fast wie früher. Damit es wieder genauso wie früher wird, habe ich heute morgen wieder die Osteopathin aufgesucht. Schließlich will ich wissen wie es weitergeht mit der Schulter und dem Selbstheilungsprozess. Sie fiel sogleich in das Gerede von der Prozeshaftigkeit ein, ordnete meine plötzlichen Schulterschmerzen nach der letzten Behandlung als Zeichen des Erfolges. So richtig bereit, ihr in diesem Schritt zu folgen, war ich immer noch nicht. Das letzte Restchen Rationalität zusammenkratzend verfolgte ich dann wachsam was ihre Hände für Reaktinen in meinem Körper nachsichziehen. Während sie ihre Hände auf meinen schultern liegen hat fragt sie nach möglichen Ursachen.

Sind sie mal auf die Schulter gefallen?
Ja, sicher unzähliche Male. Ich bin als Kind 1000x vom Pony gefallen, bis ausgerutscht, habe mich beim Geräteturnen lang gemacht, habe viel getobt…  und so weiter. Ja. ich bin oft hingefallen in meinen Leben. Mein Gott.
(Wissendes schweigen.) Aha.
Ist das nicht normal?
Sie haben hier einen blauen Fleck, was ist denn da passiert?
Wo?
Na hier, am Rücken.
Keine Ahnung. Merke ich nicht. Vielleicht von der Spritze am Montag beim Orthopäden?
Aha, ja das kann sein.

Ich komme mir irgendwie doof vor. Trampelig. Ignorant. Aber an jeden kleinen Sturz oder Rempler kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern. So gesehen, ist sicher jedes Körperteil mal geprellt, geklemmt, gestossen oder gequetscht worden. Ich habe mir aber (bis auf das Schlüsselbein) noch nie was gebrochen, wurde noch nie operiert. Das fand ich bisher immer ganz ordentlich. Hier scheint das alles aber als Ursache in Frage zu kommen. Bin ich ein Rowdy? Was die Frau mit dieser Ansage macht, weiß ich nicht. Ich muss mich wieder auf die Liege legen, wieder auf Ihre Hände. Sie meint eine veränderung zu bemerken. Eine Verbesserung. Ich fühle mich genauso unwohl wie beim letzten mal. Meine Gedanken landen immer wieder bei meinem überfülltem Email Postfach im Büro, gehen nochmal die Weihnachtsgeschenke durch. Die Frau hat das wohl gemerkt.

Und, was macht ihr Körper so?
Äh, weiß nicht, kann ich jetzt gar nichts zu sagen…
Beschreiben sie doch mal, was sie an den Stellen fühlen, wo meine Hand liegt?
(Was für eine Steilvorlage für einen schönen Witz. Ich muss mich zusammenreißen.) Also… naja…da wo Ihre eine Hand… also in meinem Hintern spüre ich eigentlich nichts.
Dann beobachten sie mal weiter, und sagen sie mir was sie fühlen.
(ich versuche mich zusammenzureißen. Höre zwanghaft in mich hinein.) Also, mein Rücken ist fest, da ist ein kleiner Krampf.
Also ich merke, dass sie und Ihr Körper das hier total verfolgen. Sie wollen genau wissen und beobachten was vor sich geht.

Hä? ich UND mein Körper? Und wen oder was beobachten wir? Gibt es also drei Komponenten hier? Soll ich sie mit den beiden anderen alleine lassen? Naja. Jetzt bin ich hierher gegangen, dann wird jetzt auch mitgemacht. Es ist aber so wahnsinnig schwer sich zu entspannen, wenn man auf zwei fremden Händen liegt. Mit dem Hintern. Meine Beine zucken immer mal wieder, dann löst sich die Spannung und ich liege wieder einen Moment entspannt. Ob das jetzt an der Handauflegerrei liegt oder daran, dass ich mir bewusst werde, das ich auf Ihren Händen liege und mich verkrampfe – ich weiß es nicht. Es dauert.

Nach einiger Zeit rauscht es in meinen Ohren und mir wird warm. Richtig warm. Außerdem fühle ich mich auf einmal total leicht. fast schwebend. Jetzt ist es passiert. Du bist durchgeknallt, denke ich mir und pfeife meinen Verstand zurück. Was war denn das? Bin ich kurz eingeschlafen?

Natürlich muss das alles so. War genau geplant. Meine Schulter sei jetzt wieder im Bild, der Nerv und der Rücken seien nur die Spitze des Eisberges, mein Körper arbeite aber schön mit und gehe alles nacheinander an. Ich glaube mich verhört zu haben – Spitze des Eisberges? Was soll den da noch kommen? Ja, ja, orakelt die Frau. Hören sie in den nächsten Tagen mal in sich hinein. Seien sie vorsichtig und klettern sie nicht auf Leitern oder Stühle. Ihr Gleichgewichtssinn könnte etwas eingeschränkt sein. Da tut sich was. Natürlich müssen wir weitermachen.

Also, ich weiß nicht. Beim Anziehen, muss ich ich hinsetzten, weil mir so schwindelig ist. Das Fahrrad schiebe ich zurück ins Büro. Mein Postfach ist wirklich voll. Hab ich deshalb seherische Fähigkeiten? Beim Essen zittern meine Hände, die Kollegen gucken mich fragend an. Ich war wieder beim Osteopathen, sage ich schuldbewusst. Ach so, alles klar. Ist gut, oder? Ich weiß nicht. Es hört sich zu einfach an. Ich würde gerne dran glauben.

Am Montag war ich wieder beim Sportorthopäden meines Vertrauens. Es galt die Ergebnisse der Akupunktur zu besichtigen. Ein Abschlusstermin. Dachte ich jedenfalls. Dem ist aber nicht so.

> (während er meine Beine verknotet und auf dem Becken rumdrückt) Joooaaa das ist alles schon besser und beweglicher, aber noch nicht gut.
> Ja, das merke ich, aber laufen geht immer noch nicht. Auch nicht gaaanz langsam und vorsichtig.
> Tut es noch im Ruhezustand weh?
> Nein.
> Das ist doch schon mal was. Sie befinden  sich noch in der Einwirkphase. Ich setzte noch drei Spritzchen und dann  sehen uns Anfang des Jahres wieder.
> Und Sport?
> Ja, können sie ja immer mal wieder probieren. Aber vorsichtig.
> Mh Okay. Tschüss.

Von der Handauflegerin habe ich nichts erzählt. Das war mir irgendwie zu peinlich. Am Freitag gehe ich da wieder hin. Mal sehen was die Selbstheilung so macht. Ist das eigentlich Fremdbestimmung oder Tiefen-Selbstbestimmung? Das Fremde in mir drin, was sich jetzt mal in aller Ruhe neu sortiert und das ich ich gefälligst in Ruhe lassen soll? Werden mir jetzt alle Zugriffsrechte entzogen? Weil ich was kaputgemacht habe? Wird es irgendwann eine feierliche Rückübergabe geben? Am Ende der Probephase?

Heute Morgen war ich eine Stunde Gehen. Wegen der frischen Luft. Kaputtgemacht habe ich nichts. Glaube ich.