Laufen tut weh – schreibt Sebastian Herrmann heute in der Süddeutschen Zeitung auf Seite 24 und fasst den Stand der Forschung zusammen. Kurz und knapp: Hobbyläufer fügen sich selber seid 30 Jahren immer wieder an die gleichen Verletzungen zu. Durch Überforderung nicht etwa durch Stürze oder Umknicken. Schuhtechnik spielt dabei eigentlich keine Rolle, es geht ums Geld. Und der neuste Trend des Barfusslaufens ist auch wieder nur ein Marketingag.

Es gebe keine belastbaren Zahle, die man auswerten könne um Wirkung und Nutzen von High – Tech in Hobby Läufers Schuhen zu belegen. Ich hätte den Artickel gerne hier gepostst, die SZ erlaubt aber noch nicht einmal Ihren Abonnenten den Zugriff auf das Blatt im Netzt. Das nervt mich!

Ich gehe jetzt mit Mann und Hund in den Wald um zu walken. Mit Schuhen, die laut Fachverkäufer genau das richtig für mich sind. Aber ich gehe ja nur, das tut nicht weh.

In den letzten Wochen habe ich übrigens allerlei Abenteuer in der bunten Welt der Wunderheilung erlebt. Stichwort Thai- Massage! Billiger als Handauflegen und sehr effektvoll. Tut auch ein bisschen weh. Ist aber auch für schnöde Entspannung am Samstag morgen sehr gut zu gebrauchen. Und für den Schreibtisch-Kauerhaltung-Rücken eine Wohltat.

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Nach der vorvorletzten Akupunktur steige ich heute völlig verstrahlt in die falsche Bahn, merke es nach drei Haltestellen und will mit einem Wechsel auf den Bus die Route korrigieren. Kann ja mal passieren. Ich steige aus und laufe zur Bushaltestelle in ca 200 Meter Entfernung. Bereits nach zwei Schritten sehe ich meinen Bus im Augenwinkel und renne. Renne wie eine Bekloppte. Der Rucksack scheppert auf dem Rücken, die iPod Stöpsel fliegen aus den Ohren, die Ballerinas platschen auf den Teer.

Dieser Bus überholt mich nicht! Nicht heute! Ohne Mühe fliege ich über den Bürgersteig, das Motorengeräusch im Nacken. Noch 10 Meter, der Bus zieht langsam an mir vorbei. Endspurt! Der Fahrer macht nur vorne auf. Schneller! Mit Siegermiene springe ich in die Tür und funkel den Busfahrer aus kämperischen Augen an. Nicht schlecht brummelt der nicht schlecht. Drinnen werde ich von drei klatschenden Damen begrüßt.

Besser als jeder Volkslauf.

Ich weiß nicht womit es angefangen hat. Vielleicht mit Jugend trainiert für Olympia im Geräteturnen in der Mittelstufe.  Wir habe da immer im unteren Drittel herumgelungert. Gewonnen haben die selbstbewussten Turnerinnen des altsprachlichen Traditionsgymnasiums. Die hatten alle einheitliche enge Turnanzüge (diese Badeanzüge mit langen Ärmeln) und ballonseidene Jacken mit Schulwappen. Wir Provinzgesamtschüler mussten unsere verfusselten schwarzen Turnhosen und ausgeleierte weiße T-Shirts tragen, auf denen das verblasste Schulwappen aufgebügelt war. Unsere schlechte Platzierung – das war uns sonnenklar – lag ausschließlich an der mangelhaften Kleidung. Seid diesen Tagen sind Gemeinschaft generierende Trainingsklamotten mein liebster Fetisch. Seid diesen Tagen warte ich darauf endlich einmal so etwas zu besitzen. Ich stelle mir das vor wie eine Rüstung, die einen beschützt vor allerlei Unbill. Denn ein Trainingsanzug mit Aufdruck steht immer für eine Gruppe, für viele Gleichgesinnte die an einem Strang ziehen. Lieber keinen Streit anfangen mit denen. 

Ich komme auf sieben Sportvereine in meiner Vergangenheit aber keine Mitgliedschaft hat mich bisher mit einer Vereinskleidung beglückt. Volleyball habe ich in einer Herrenmannschaft gespielt, besser nur trainiert, weil es ja eine Herrenmannschaft war. Die hatten Trikots aber nur fürs Spiel. Beim DLRG hatten wir noch nicht mal einheitliche Bademützen, das einjährige Gastspiel beim Jiu Jitsu zog zwar den obligatorischen weißen Anzug nach sich – war aber auch nicht das gelbe vom Ei. Der alternative Reitverein verweigerte sich jeglicher traditioneller Reitkleidung und verteufelte Konformismus. Eigentlich machte mir das die Mitgliedschaft leichter, denn Vollversammlungen, Spalier stehen, Nudelsalat mitbringen und Gruppendynamik sind nicht so meins. Das Vereinsleben abseits des wöchentlichen zusammen Sport machen ist ein rotes Tuch für mich. Aber der Trainingsanzug lockt nach wie vor.

Aus nostalgischen Gründen bin ich im Frühjahr in den Sportverein meines Heimatdorfes eingetreten. Aus Jux und Dollerrei, und weil ich es witzig fand, bei den Volksläufen den Namen des Dorfes hinter meinem Namen zu lesen. Es ist ein Turn-, Sport- und Gesangsverein mit gefühlten 50 aktiven Fußballern, 30 aktiven Bänkelsängern und 7 Läufern (mit mir). Eigentlich sind es nur drei Familien. Ich fand das witzig. Trainiert wird zusammen mit einem größeren Laufreff aus dem Nachbarort. Ohne mich, ich wohn da nicht. Wir fahren zusammen zum Volkslauf und ich bekomme Tips. Leider meistens Ansagen, die mich stressen. Die im krassen Gegensatz zu meinem Gefühl oder zu den Aussagen meine Arztes stehen. Meistens haben sie mir schneller, weiter und trotzdem zu tun.  Mein Trainingsplan ist aus dem www, ab und zu, wenn es passt, dann machen wir einen langen Lauf zusammen. Wenn ich laufen kann. Was nach deren Einschätzung eigentlich immer ist, weil das komische Zipperlein nicht gilt.

Sechs der Sieben Läufer haben viel Erfahrung, zahlreiche Marathons in den Knochen, unzählige Verletzungen überstanden und mindestens vier von Ihnen laufen mich in Grund und Boden. Wenn ich dann nicht mache, was sie mir raten, weht meistens ein eiskalter Wind durch meine Beitrittserklärung und alles ist auf einmal überhaupt nicht mehr Ironie tauglich. Dann wird mir wieder klar warum mir das dort mit 19 zu eng geworden ist und ich – nicht ohne Groll – ausgezogen bin. Dann sehe ich auf einmal nur noch Nudelsalat und Bericht des Kassenwarts und Hecke schneiden und Sippenhaft. 

Soweit so einfach zu lösen: einfach wieder austreten. Die Idee war gut, doch die Welt noch nicht bereit. ABER: Jetzt werden Trainingsanzüge bestellt. Subventioniert vom Verein. Weil die Fußballer ja auch welche haben. Nach jahrelangem Hick Hack kriegt die Läufersparte auch Anzüge. Und ich – durch puren Zufall – mittendrin. Ist schon bestellt. Sieht gar nicht mal schlecht aus im Katalog. Das ist doch ein Zeichen! Das kann ich doch nicht einfach ignorieren! Da muss ich doch jetzt tapfer sein und einfach dran bleiben und grinsen und danke für den Tip sagen und mein Ding machen. Geht das noch als Pragmatismus durch oder sitze ich da mitten drin im  Opportunismus? 

Heute bin ich übrigens gelaufen. Erst eine Stunde Übungen dann eine halbe Stunde laufen mit den neuen Schuhen. Tip Top. Keine Klagen. Kleine Runde, ohne Ehrgeiz. Am Freitag möchte ich gerne wieder meine normale Runde laufen. Eine Stunde langsam und gemütlich. Und wenn das nicht klappt, muss ich mich an den Gedanken gewöhnen mich umzumelden. Dann wird aus dem Marathon eben ein Halbmarathon. Aber gelaufen wird. Weil es nämlich sehr viel Spaß macht, wenn es klappt.

Ein Opportunist ist ein „Jenachdemer“.  (Wilhelm Busch)

Zwei Tage früher als geplant sitze ich wieder zu Hause. Eigentlich schade. Vier Tage Wanderung liegen hinter uns. Ungefähr 85 Km insgesamt, pro Tag zwischen 400 und 1000 Höhenmetern mit ca. 20 Kg schwere Rucksäcke und schwere Wanderschuhe. Das Ergebnis: nur eine Blase, nur ein blauer Zehennagel aber steinharte Krampfwaden. Es war wunderbar. Aber warum sind wir dann schon wieder hier? Die letzten Tagen lassen ein schales Gefühl zurück. Vier Leute haben es nicht geschafft sich aufeinander einzulassen. So kam was kommen musste: Ehrgeiz und Größenwahn trafen auf das Bedürfnis sich in Mutter Natur einfach treiben zu lassen. Klare Ansagen standen gegeneinander und der Stärkere (hier schnellere) hat sich durchgesetzt. 

 

In einem ersten Kaftakt musste die Kilometervorgabe von 30 Km auf 20 Km runterdiskutiert werden.  Mein Hauptargument, dass wir ja 5 Tage in Folge wandern wollen, und unsere Kräfte einteilen müssen, war ein Rohrkrepierer. Die Kilometer Diskussion tauchte jeden Tag in neuem Gewand wieder auf. Sei es durch ein Wahnsinnstempo, was dazu führte, das wir um 14.00 Uhr schon 20 Km gelaufen waren und ja nun auch weiter laufen könnten oder durch Sticheleien nach 20 Minuten Pause oder durch die Androhung abzureisen. Das wir als Ergebnis alle Krämpfe hatten war ja egal. Alles sehr unerfreulich und das Gegenteil von entspannt. Ich habe mich bereits nach dem zweiten Tag, der mich mit 23 Km und fast 1000 Höhenmetern wirklich fertig gemacht hat dazu entschlossen immer STOP zu sagen. Aber wenn der Satz „Nein, ich kann nicht weiter laufen.“ Im Wald verhallt, dann stimmt im Gruppendynamischen Prozess etwas Entscheidendes nicht. Erst recht nicht, wenn sich herausstellt, dass es mir im Vergleich noch gut geht.

Ich habe durchaus einen sportlichen Ehrgeiz und bin gerne bereit mich zu quälen. Aber Zeit und Ort bestimme ich. Mit meinen Freunden möchte ich eine gute Zeit haben und mich nicht mit Ihnen auf Deutschlands bekanntesten Höhenweg duellieren. Statt Abstand vom Tunelblick auf den Marathon fand ich mich plötzlich in einem Lauftreff Horrorszenario wieder.

„Los komm, ich denke du hast Ehrgeiz.“

„Na, da sehe ich schwarz für den Marathon.“

„ich könnte noch 20 Km laufen, aber dann nicht so langsam wie heute Vormittag.“

Da nützt es mir wenig, wenn sich meine Kassandrarufe vom Maßhalten bewahrheiten und wir 2 Tage früher als geplant abbrechen. (Was natürlich kein Abbruch ist, sondern der Langeweile geschuldet ist und schon immer so geplant war). Wir haben kurz überlegt, alleine weiterzulaufen und uns noch 2 Tage eine gute Zeit zu machen – haben uns dann aber dazu entschlossen den Rest des Weges noch einmal frisch und entspannt ALLEINE in Angriff zu nehmen. Vorausschauend, Langsam und ohne Hast. Fisch ist Fisch und Fleisch ist Fleisch. Manchmal ist es nötig penibel und genau zu klären, was genau „Wir lassen das alles mal entspannt auf uns zu kommen.“ bedeutet. 

Der Rennsteig hat auf jeden Fall eine zweites Mal verdient. Einmal bis zum Ende werden wir noch laufen. Ein absolut empfehlenswertes Abenteuer und die perfekte Zivilisationsflucht. Nur Wal und Hütten und Wegzeichen an Bäumen und kleine grüne Holzschilder, Ausblicke über Nebelverhangene Täler, Schutzhütten und kleine Berggasthöfe, die nur von Wanderern besucht werden – das Alles ist sehr sehr schön. Das nächste Mal nimmt jeder noch eine dritte Wasserflasche mit, weil der Höhenweg keine Bäche unterwegs kennt, lassen Schlafsack und Isomatte zu Hause, weil die Berggasthöfe so uuuunglaublich einladend sind und nehmen dann doch einen Wanderstock für die Bergabstrecken auf Geröllschotter zur Hand (Aua Aua!).

Das wird noch mal gemacht. Treiben lassen können wir besser. Bis dahin „Gut Runst!“

Jetzt begebe ich mich mal auf die Suche nach meinem Humor.

Vorgestern waren das alte MTB und ich noch mal im Dorf hoch oben in den bergigen Wäldern. Google hat nachträglich 435 Höhenmeter auf 27 Km errechnet. Trotz Fotopausen war ich 10 Minuten schneller. Tata. Ob ich mit der Fotodokumentation unterwegs warm werde, weiß ich noch nicht. Das Ergebnis ist so mittel. 

Und schon sind wir beim eigentlichen Thema: Keine Veränderung beim nervenden Nerv, der sich in der Akupunktur-Pause dann doch entschieden hat auch nach Fahrradtouren zu meckern. Mir blieb also keine andere Wahl, ich musste einen Frustkauf tätigen. Jetzt geht’s schon besser.

Der Inhaber des Lauffachgeschäfts war soooo nett und aufmerksam und interessiert und positiv und über die Maßen kompetent und erfahren. Hoffentlich hält dieses alles-wird-gut-Gefühl noch etwas an – war ja teuer genug. Die Schuhe sind aber wirklich der Hammer, und natürlich eine wesentliche Verbesserung gegenüber meiner alten asics, denen man die 250 Km schon über Gebühr ansieht. Ist doch klar. Ausserdem hat sich herausgestellt, dass ein Neutralschuh nicht das Beste ist, für meinen Fuß und mehr Stabilität her muss. Jetzt steht er hier, der Superschuh der Supermarke Saucony, von der ich noch nie gehört habe. Wieder was gelernt. Wieder ein Stückchen weiter in den Sündenpfuhl hinabgerutscht. Wieder ein wissendes Lächeln mehr im Repertoire.

An Laufen ist aber auch heute noch nicht zu denken. Also nur eine Stunde Übungen auf der Matte.  Und weiter warten und radeln und warten. Man wird das schön, wenn‘ wieder geht!