Es ist Winter. Es liegt Schnee. Es ist kalt.

Das ist nicht neu, das passiert alle halbe Jahr. Warum sind jetzt alle so überrascht? So unvorbereitet? Huch! Das wird ja glatt, wenn man es nicht wegmacht und andauernd drüber läuft! Oh mein Gott, das friert ja an den Oberleitungen fest. Ooohhh, das Auto rutscht ja. Was machen wir denn da?

In der Stadt der Arbeitswoche wird nicht geräumt. Mit Ansage. Hier schneie es so selten, dass sich das Aufstocken des Fuhrparks mit ein paar Schneepflügen nicht lohne. Hallo? So schnell geht es mit dem Klimawandel jetzt nicht. An walken ist nicht zu denken. Die Wege sind vereist. Der Boden fubkelt und blitzt – astreines Eis. Man könnte Eisschnelllauf machen. So wie in den Niederlanden auf den Grachten. Laufen kann man darauf nicht. Alle Menschen gehen im Entenwatschelgang.

Also auf zum Aqua Jogging! Der Weg zum Hallenbad ist lebensgefährlich. Die Eisschicht auf dem Gehweg hat Gefälle, wenn man aber versucht das Gleichgewicht zu halten um nicht auf die Fahrbahn zu trudeln, droht ein Sturz. Ich schaffe es ohne, bin aber Zeuge von drei sehr schönen slapstickartigen Rutschpartien vor mir gehender Fußgänger. Hut ab vor Frauen, die sich Ihre High-Heels auch bei diesem Wetter nicht verkneifen!

Im Wasser endlich wieder normale Bewehungsabläufe. Endlich Gas geben. Endlich mal wieder an die Grenze gehen. Nichts tut weh! Ich renne und renne und renne und renne.

Nach einer Stunde Glück watschel ich über glitzerndes Eis nach Hause. Aufrecht und gerade. Ist ja auch nur Wasser. Wasser kann ich.

Am nächsten Morgen im Drogeriemarkt, zwischen Deostiften und Badezusätzen vergleichen drei rüstige Damen Ihre Blutergüsse, die sich durch Stürze auf dem Eis zugezogen haben. Voller Stolz. Wie Gladiatoren berichten sie mit stolzgeschwellter Brust von Hämatomen in Handflächengröße auf Hintern und Rücken .

Es ist Winter. Es liegt Schnee. Es ist glatt. Wie alle halbe Jahr.

Samstag nachmittag, 30 cm Schneematsch, nichts wie raus. Es wird Zeit zu gehen. Gehen ist erlaubt. Vom Rückenarzt persönlich abgenickt.

Am Dienstag war ich wieder bei ihm. Ausgerüstet mit einem Spickzettel voller Fragen, damit er in seiner rasanten Routine nicht schon wieder entschwindet bevor ich alles gefragt habe, was mir auf der Seele brennt. Stolz runterschlucken, Zettel auffalten und Punkt für Punkt vorlesen.

1. Ist es normal, dass das so lange dauert? > Ja. Bei Ihrer Nerv Schädigung ist ein Jahr Regeneration üblich. Sie waren kurz vor einem Bandscheibenvorfall.
2. Sollte ich mich generell vom Laufen verabschieden, ist das nichts für mich? > Ne, das können sie irgendwann schon wieder machen
3. Kann ich wieder anfangen? > Eher nicht. Machen Sie Aqua Sport, gehen sie. Ist doch zur Zeit sowieso sch*** Wetter.
4. Wann wieder? > Kommen Sie nach Ostern wieder, dann reden wir über das Laufen.  Dann aber erst mal nur Kurzstrecke.
5. Soll ich Physiotherapie machen? > Eher nicht. Sie sind gut und gleichmäßig bemuskelt. Langsam können sie Ihre Übungen wieder anfangen.
6. Kann ich noch was machen? > Wir können noch mal eine Serie Akkunpunktur machen, dann müssten Sie wieder zwei mal die Woche kommen. (Das ist schwierig, weil ich  2,5 Stunden Fahrtzeit zu meinem Arbeitsplatz habe. Mal fragen.)

Endlich mal Antworten, hätte ich früher machen sollen, das mit dem Zettel. Zur Belohnung gab es wieder drei Spritzchen in den unteren Rücken. Vorher wurden meine Arme und Beine noch geschüttelt, verknotet und dann langgezogen. Fertig. Das ist glaub ich manuelle Therapie.

Aber jetzt wird es Zeit zu gehen. Mit Wanderschuhen, Hund und einer Perspektive. Nach Ostern. Das sind 12 Wochen. Ein Klacks.

So, dann wolln wir mal. Neues Jahr (fast) neues Glück. Hops in die Thermohose, Schuhe raus und ab die Post. In den Wald! In den Wald! Hund ist dabei. Mann ist dabei. Ich walke. Mann joggt. Hund stöbert und markiert. Und weil es nicht hilft, um den Brei herum zureden,  nenne ich das, was ich da mache jetzt beim Namen: Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken.Walken. Walken.Walken. Walken.Walken. Walken.Walken. Walken. Walken. Walken.Walken. Walken.Walken. Walken.Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken.Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken.Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken. Walken.

Was soll das? Ist jetzt so. Es ist kein Wandern, es ist kein Spazierengehen. Ich gehe schnell, die Arme machen das, was sie beim Laufen auch machen würden, ich schwitze ein bisschen und mein Mann kann in seinem langsamen Tempo neben mit her joggen. Ich walke ohne Stöcke und trage dabei meine Laufklamotten. Das scheint eine Frechheit zu sein. Die Reaktionen sind wie immer: ablehnend. Gegrüßt wird nur mein Mann. Mein Hallo verhallt immer einsam im Wald. Ich bin das dicke doofe Kind. Das auszuhalten fällt mir verdammt schwer. Aber irgendwas ist ja immer. Läufer können auch scheiße sein.

Mein Ziel: irgendwann wieder 3-4x die Woche eine Stunde laufen zu können um den Kopf frei zu pusten, um runter zukommen um zu entspannen. Keine Zeiten, keine Kilometer. Mein Ziel für 2009 ist wieder Läufer sein. Auch wenn die manchmal scheiß arrogante W****er sind.

Gestern war wieder Tag der Wunder. Ein letztes Mal in hieß es in Unterwäsche auf fremden Händen liegen. Atmen und in sich reinhorchen was der Körper, das fremde Wesen, so macht. Mittlerweile bin ich Profi. Macht mir gar nichts mehr aus, das die Frau meinen Hintern in den Händen hält und mich verbal in drei bis vier Komponenten zerteilt. Es ist warm, das Leinentuch fühlt sich gut an, es riecht wie in der Sauna nach irgendeinem Duftöl und warme Hände liegen mal hier mal dort auf mir rum.

Diese Hände spüren eine deutliche Besserung. Dort wo vormals Chaos und Zerstörung diagnostiziert wurden, erkennt die Frau jetzt einen Verursacher: die Schulter. Und der Körper, der Blödi, hat all die Jahre falsche Schlüsse aus diesem ramponierten Einzelteil gezogen. Hat nicht damit gerechnet, das die Schulter sich irgendwann wieder an der Arbeit beteiligt und einen Notfallplan errichtet. Dieser hat an anderer Stelle zu Überlastung und fehlerhafter Arbeit geführt.

Folgende Reaktionskette zeichnet sie nach: Schulter ist steif und macht nicht richtig mit, deshalb muss ein Muskel unter dem Rippenbogen mehr machen, wird müde und Steif und kann irgendwann dieses Unleichgewicht nicht mehr von der Hüfte fernhalten. Diese, gleiches Spiel, wird deshalb irgendwann schief und deshalb bekommt Nerv XY was ab, was er nicht abbekommen sollte und sendet wirre Informationen die zufällig im Bein landen und einen Muskel unter dem Knie andauernd in Erregung versetzt. Der ist irgendwann fertig.  Das verstehe ich. Das glaube ich Ihr.Und denke: Gefahr erkannt – Gefahr gebannt. Atacke! Bitte wegstreicheln!

Aber ne, Zeit ist um. Der Körper (der schon wieder…) macht das jetzt. Vielleicht. Aber eigentlich kann man so eine schwerwiegende Unordnung, die über Jahre verfestigt wurde, nicht mir drei Behandlungen beseitigen. Bitte nochmal wieder kommen. Ach ja, und das Wichtigste: weiterhin keinen Sport machen. Mindestens zwei Wochen.

Ach Leute, jetzt reicht es aber! Das weiß ich selber. Wenn ich nicht laufe, kann es beim Laufen auch nicht zu Problemen kommen. Das ist aber keine Lösung. Also, dafür komme ich nicht wieder. Jetzt bin ich aber mal richtig sauer. Duftöl hin, Duftöl her. Da gehe ich lieber zweimal in die schickste Sauna der Stadt. Das ist auch schön.

Schön verarscht. Selber Schuld. Inzwischen lacht sich der Körper ins Fäustchen und freut sich auf Weihnachten. Ich war Dienstag heimlich beim Aqua-Jogging. Hat die Frau aber nicht erspürt. Das wird jetzt wieder ausgebaut. Freundchen. Wie du mir, so ich dir. Ich weiß ganz genau was mein Körper gerade macht: Speck macht der. In großen Mengen. Der nutzt die Zeit mitnichten für Reparaturarbeiten. Das Luder!

Tiefer kann man nicht sinken. Vor einem halben Jahr bin ich das letzte Mal 10 Km ohne Mühe gelaufen, hab mich fit und wohlig gefühlt und gedacht so geht das jetzt weiter. 3-4 mal die Woche. Mittlerweile habe ich losgelassen, habe aufgehört immer wieder alles auszureizen und bin dem Übel auf die Schliche gekommen. So oft wie in den letzten 5 Monaten war ich noch nie beim Arzt. Es wird. ja. Grundlegende Dinge verbessern sich. Mein Körper kommt wieder ins Lot – und wird mehr. Überall wird es mehr. Und das obwohl ich nicht mehr als 2 Kg zugenommen habe. Das schöne feste, straffe, energetische Gefühl ist weg. Stattdessen weite Pullis und Trägheit. In einer Woche geht es zur definitiv Finalen Sitzung der Handauflegerin. Ihre Geheiß, 2 Wochen komplett runterzufahren habe ich dann beherzigt. Dann hatten alle beteiligten genug Zeit: der Körper, der Kosmos, der Nerv.

So weit vom Laufen wollte ich mich nie entfernen. Das wird ein extrem langer Weg zurück. Von 0 auf x in x Monaten. Der dritte Neuanfang. Vor einem Jahr habe ich das letzte Mal gedacht, ich würde es schaffen. Vor einem Jahr habe langsam, ganz langsam angefangen wieder zu laufen. Auf ein Neues.

Nach dem ich gestern Abend wieder mit Schaumstoff-Ummantelung im Wasser gelaufen bin, konnte ich mal wieder herrlich erschöpft einschlafen. Verausgabt und glücklich. Fast wie früher. Damit es wieder genauso wie früher wird, habe ich heute morgen wieder die Osteopathin aufgesucht. Schließlich will ich wissen wie es weitergeht mit der Schulter und dem Selbstheilungsprozess. Sie fiel sogleich in das Gerede von der Prozeshaftigkeit ein, ordnete meine plötzlichen Schulterschmerzen nach der letzten Behandlung als Zeichen des Erfolges. So richtig bereit, ihr in diesem Schritt zu folgen, war ich immer noch nicht. Das letzte Restchen Rationalität zusammenkratzend verfolgte ich dann wachsam was ihre Hände für Reaktinen in meinem Körper nachsichziehen. Während sie ihre Hände auf meinen schultern liegen hat fragt sie nach möglichen Ursachen.

Sind sie mal auf die Schulter gefallen?
Ja, sicher unzähliche Male. Ich bin als Kind 1000x vom Pony gefallen, bis ausgerutscht, habe mich beim Geräteturnen lang gemacht, habe viel getobt…  und so weiter. Ja. ich bin oft hingefallen in meinen Leben. Mein Gott.
(Wissendes schweigen.) Aha.
Ist das nicht normal?
Sie haben hier einen blauen Fleck, was ist denn da passiert?
Wo?
Na hier, am Rücken.
Keine Ahnung. Merke ich nicht. Vielleicht von der Spritze am Montag beim Orthopäden?
Aha, ja das kann sein.

Ich komme mir irgendwie doof vor. Trampelig. Ignorant. Aber an jeden kleinen Sturz oder Rempler kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern. So gesehen, ist sicher jedes Körperteil mal geprellt, geklemmt, gestossen oder gequetscht worden. Ich habe mir aber (bis auf das Schlüsselbein) noch nie was gebrochen, wurde noch nie operiert. Das fand ich bisher immer ganz ordentlich. Hier scheint das alles aber als Ursache in Frage zu kommen. Bin ich ein Rowdy? Was die Frau mit dieser Ansage macht, weiß ich nicht. Ich muss mich wieder auf die Liege legen, wieder auf Ihre Hände. Sie meint eine veränderung zu bemerken. Eine Verbesserung. Ich fühle mich genauso unwohl wie beim letzten mal. Meine Gedanken landen immer wieder bei meinem überfülltem Email Postfach im Büro, gehen nochmal die Weihnachtsgeschenke durch. Die Frau hat das wohl gemerkt.

Und, was macht ihr Körper so?
Äh, weiß nicht, kann ich jetzt gar nichts zu sagen…
Beschreiben sie doch mal, was sie an den Stellen fühlen, wo meine Hand liegt?
(Was für eine Steilvorlage für einen schönen Witz. Ich muss mich zusammenreißen.) Also… naja…da wo Ihre eine Hand… also in meinem Hintern spüre ich eigentlich nichts.
Dann beobachten sie mal weiter, und sagen sie mir was sie fühlen.
(ich versuche mich zusammenzureißen. Höre zwanghaft in mich hinein.) Also, mein Rücken ist fest, da ist ein kleiner Krampf.
Also ich merke, dass sie und Ihr Körper das hier total verfolgen. Sie wollen genau wissen und beobachten was vor sich geht.

Hä? ich UND mein Körper? Und wen oder was beobachten wir? Gibt es also drei Komponenten hier? Soll ich sie mit den beiden anderen alleine lassen? Naja. Jetzt bin ich hierher gegangen, dann wird jetzt auch mitgemacht. Es ist aber so wahnsinnig schwer sich zu entspannen, wenn man auf zwei fremden Händen liegt. Mit dem Hintern. Meine Beine zucken immer mal wieder, dann löst sich die Spannung und ich liege wieder einen Moment entspannt. Ob das jetzt an der Handauflegerrei liegt oder daran, dass ich mir bewusst werde, das ich auf Ihren Händen liege und mich verkrampfe – ich weiß es nicht. Es dauert.

Nach einiger Zeit rauscht es in meinen Ohren und mir wird warm. Richtig warm. Außerdem fühle ich mich auf einmal total leicht. fast schwebend. Jetzt ist es passiert. Du bist durchgeknallt, denke ich mir und pfeife meinen Verstand zurück. Was war denn das? Bin ich kurz eingeschlafen?

Natürlich muss das alles so. War genau geplant. Meine Schulter sei jetzt wieder im Bild, der Nerv und der Rücken seien nur die Spitze des Eisberges, mein Körper arbeite aber schön mit und gehe alles nacheinander an. Ich glaube mich verhört zu haben – Spitze des Eisberges? Was soll den da noch kommen? Ja, ja, orakelt die Frau. Hören sie in den nächsten Tagen mal in sich hinein. Seien sie vorsichtig und klettern sie nicht auf Leitern oder Stühle. Ihr Gleichgewichtssinn könnte etwas eingeschränkt sein. Da tut sich was. Natürlich müssen wir weitermachen.

Also, ich weiß nicht. Beim Anziehen, muss ich ich hinsetzten, weil mir so schwindelig ist. Das Fahrrad schiebe ich zurück ins Büro. Mein Postfach ist wirklich voll. Hab ich deshalb seherische Fähigkeiten? Beim Essen zittern meine Hände, die Kollegen gucken mich fragend an. Ich war wieder beim Osteopathen, sage ich schuldbewusst. Ach so, alles klar. Ist gut, oder? Ich weiß nicht. Es hört sich zu einfach an. Ich würde gerne dran glauben.

Am Montag war ich wieder beim Sportorthopäden meines Vertrauens. Es galt die Ergebnisse der Akupunktur zu besichtigen. Ein Abschlusstermin. Dachte ich jedenfalls. Dem ist aber nicht so.

> (während er meine Beine verknotet und auf dem Becken rumdrückt) Joooaaa das ist alles schon besser und beweglicher, aber noch nicht gut.
> Ja, das merke ich, aber laufen geht immer noch nicht. Auch nicht gaaanz langsam und vorsichtig.
> Tut es noch im Ruhezustand weh?
> Nein.
> Das ist doch schon mal was. Sie befinden  sich noch in der Einwirkphase. Ich setzte noch drei Spritzchen und dann  sehen uns Anfang des Jahres wieder.
> Und Sport?
> Ja, können sie ja immer mal wieder probieren. Aber vorsichtig.
> Mh Okay. Tschüss.

Von der Handauflegerin habe ich nichts erzählt. Das war mir irgendwie zu peinlich. Am Freitag gehe ich da wieder hin. Mal sehen was die Selbstheilung so macht. Ist das eigentlich Fremdbestimmung oder Tiefen-Selbstbestimmung? Das Fremde in mir drin, was sich jetzt mal in aller Ruhe neu sortiert und das ich ich gefälligst in Ruhe lassen soll? Werden mir jetzt alle Zugriffsrechte entzogen? Weil ich was kaputgemacht habe? Wird es irgendwann eine feierliche Rückübergabe geben? Am Ende der Probephase?

Heute Morgen war ich eine Stunde Gehen. Wegen der frischen Luft. Kaputtgemacht habe ich nichts. Glaube ich.

Ich war beim Handaufleger. Osteopathen. Schließlich will ich nichts unversucht lassen. Also gehe ich auch da hin. Mein bisheriger Kontakt mit diesem Berufsbild waren zwei, drei wunderliche Geschichten von Bekannten. Es handelte sich um obskure Genesungsgeschichten, die sich die Betroffenen nicht selbst erklären konnten. Sie nuschelten nur etwas von Wärmeströmen und seltsamen Reaktionen des Körpers. Ich – nach wie vor nicht laufend, nicht schmerzfrei und sehr sehr unausgeglichen – griff nach diesem Strohhalm. Nicht ohne Skepsis und nicht ohne ätzende Kommentare. Schließlich galt es diesen Schritt vor mir selbst zu rechtfertigen. Die Krankenkasse bezahlt das ja nicht.

Erst einmal wird eine Bestandsaufnahme gemacht. Wo tut es weh? Seit wann? Gab es mal  OPs? So weit – so bekannt. Dann kam der Teil mit dem Handauflegen. Im Stehen, im Sitzen, Im Liegen. Die Hände lagen einfach auf meinen Schultern, auf meinem Rücken, unter meinem Hintern. Lange. bewegungslos. An Entspannung war nicht zu denken. Statt dessen bohren sich Zweifel und Spott in mein Gehirn.

Guck dich an. Liegst hier in Unterwäsche und lässt die Frau deine Arschbacken anfassen und glaubst, das jetzt alles wieder gut wird. Kein Effekt, keine warme Strömung, kein Plopp – nichts erlöst mich aus dieser Lage. Ab und zu zucken meine Beine – das liegt sicher daran, dass ich sehr angespannt da liege, weil ich mich nicht mit meinem vollen Gewicht auf die Hände der Frau legen will. Als sie zum Kopf wechselt, ragt, sie was mit meiner Linken Schulter los sei. da säße die Ursache, da sei eine Blockade. Aha. Hatte ich nicht gesagt, ich habe Probleme im Lendenwirbel Bereich und Schmerzen an der Außenseite der Knie? Schulter. Schulter? Ja, mein Gott als Sechsjährige habe ich mich an dem Tag, an dem ich Fahrradfahren gelernt habe gewickelt.

Afni Katirci hat sich getraut einen Abhang runter zu fahren, und ich wollte ihn beeindrucken. Also bin ich auch runtergefahren und habe mich überschlagen. Meine Schulter hat mir danach weh getan, was aber wieder weggehen würde, sagten meine Eltern damals. Als es nach einer Woche nicht weg war, haben sie es mal einem Orthopäden gezeigt, der ein gebrochenes Schlüsselbein diagnostiziert hat. Aber mein Gott. Das war 1982!

Aha, sagt jetzt die Frau. Das könnte die Ursache sein. Na, klar denke ich. Und was wäre gewesen, wenn es die rechte Schulter war? So genau weiß ich das nämlich nicht mehr. Die Zweifel bleiben. Ich bin ein Effekt Mensch. Ich glaube an Medikamente und an Geräte. Vorher – Nachher. Krank – Gesund.

Nach einer Stunde, ziehe ich mich wieder an. Wundere mich über mich, und bedanke mich höflich. Am besten noch mal wieder kommen, sagt die Frau. Dann hilft es besser. Na, klar, sage ich und denke an die 80 Euro.

Das war vorgestern. Seit ich diese Praxis verlassen habe, tut meine Schulter weh! Ich komme mir vor, wie ein Eishockey Spieler nach einem Body Check. Ein Kosmischer Witz? Nein, sagen die Fans des Handauflegens, nein – da löst sich eine Blockade. Das ist gut. Die Ursache ist gefunden. Die Selbstheilung läuft.

Gestern ging wieder nicht. Nach 3 Km extrem langsamen Traben, war es wieder soweit. Wieder der Schmerz an der Außenseite des Knies. Wurde sofort stärker, zog in Bein, in den Rücken. Danke. Stopp. Ab jetzt wieder Gehen. Wollte ja nur mal probieren.

Es sind Herbstferien. Könnte mir eigentlich egal sein. Ich habe keine Schulkinder zu Hause sitzen und bin kein Lehrer oder Erzieher. Trotzdem kommt man nicht Drumherum. Nicht nur, das man weiß, andere Leute fliegen jetzt noch mal schnell nach Malle zum Aufzutanken. Nein man wird auch noch in seinem Standart- Jahresurlaub-Leben eingeschränkt: Kein Aqua Jogging wegen Herbstferien. Warum? Das verstehe ich nicht. Wir sind doch alle da. Wir haben doch keine Ferien. Das Hallenbad ist doch offen.

Im Briefkasten lag ein Gutschein. Ich soll noch mal 3 Tage das Fitness Studio ausprobieren und überlegen ob ich nicht doch noch mal ein Abo…? Ein Kleines…? Seid ich im Jahr 2003 aus der Hauptstadt weggezogen bin, habe ich kein Abo mehr. Weil es hier ja Landschaft gibt. Viel besser als Laufen vor der Glotze.  Trotzdem werde ich immer wieder angeschrieben. Ich gehe jetzt glaub ich mal wieder hin und nutze den probetag. In der Landschaft geht ja gerade nicht. Und ein Mal Geräte und Sauna schadet ja nicht. Oder was weiß ich. Hauptsache ich kriege diese Woche noch rum. Vielleicht sollte ich der Aqua Jogging Frau auch eine Postkarte mit “we want you back!” schreiben. Vielleicht käme sie dann wieder.

Das ist doch alles kein Ersatz. Das ist wie Getreidekaffe.

Hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.
Bedeutender.
Schwerwiegender.
Ist aber einfach ein stürmischer Herbsttag. Meine Mutter ist in Köln mit 4 1/2 Stunden eingelaufen, ihre Urkunde habe ich schon runtergeladen. Während sie durch die Strassen von Köln gelaufen ist, getragen von Stimmung, Stimmung und Stimmung, war ich zwei Stunden mit dem Hund im Feld unterwegs und bin schnell gegangen. Habe mit Gedanken gemacht über die verschiedenen Weidezaunsysteme, über das Leben auf dem Land und mich über ein blühendes Rapsfeld gewundert. Hatte das erste Mal in diesem Herbst kalte Wangen und eine rote Nase und zu Hause mehr Durst auf Tee als auf alkoholfreies Weizenbier.

Die Aufgeregtheit in Köln ist so weit weg, dass ich heute morgen noch nicht mal in Erwägung gezogen habe, den Lauf online mitzuverfolgen. Es hatte einfach nichts mehr mit mir zu tun. Der 4. Oktober ist noch nicht einmal mehr der Tag eines großen Scheiterns, er ist einfach nur ein Sonntag im Herbst. Mit Tee und Zeitung auf dem Sofa und später mit einem Tatort. Heute aus Köln.

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